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Heimat genießen - in Duisburg
Mit Respekt und Würde für die Tiere

Heimat genießen - in Duisburg: Mit Respekt und Würde für die Tiere
50 Gänse leben gerade auf dem Geflügelhof von Lothar Möbius. Bald landen sie als Martinsbraten auf den Tellern seiner Kunden. FOTO: Christoph Reichwein (crei)
Duisburg. Lothar Möbius führt seit 20 Jahren einen Geflügelhof ein Rumeln. Den Betrieb hat er von seinen Eltern übernommen. Sein Ziel lautet: weniger Fleisch in besserer Qualität. Von Franziska Hein

Um halb elf Uhr am Vormittag hat Lothar Möbius schon 18 Puten geschlachtet. Gerade ist er dabei, die Puten zu wiegen und in rote Transportboxen zu verpacken. Mit Schwung hebt er eine nach der anderen auf die Waage und dann in die Box. Daneben steht Clemens John, Fleischhändler. Unter anderem an seine Kunden werden die Puten geliefert und verkauft.

Seit fünf Uhr ist Möbius auf den Beinen. Morgens, wenn alle anderen noch schlafen, hat er seine Ruhe. Er mag es, wenn er sieht, wie der Tag beginnt. Die 18 Puten hat der Geflügelwirt kurz nach dem Aufstehen innerhalb einer Stunde geschlachtet. Zunächst werden sie per Elektroschock betäubt, dann getötet, dann geht es in Brühkessel und Rupfmaschine und anschließend nimmt er sie aus. "Früher habe ich 30 Puten in der Stunde geschafft", sagt der 57-Jährige und grinst.

Elf Kilogramm bringt eine fertig geschlachtete Pute auf die Waage. Dafür hat Möbius sie aber auch drei Monate bei sich aufgezogen. Betriebe mit Massentierhaltung mästen ihr Geflügel gerade mal in der Hälfte der Zeit. Einige seiner Tiere werden sogar über 20 Kilogramm schwer. Die passen dann in keinen normalen Backofen mehr. Möbius' Tiere sind gesund, sie haben gesunde Atemwege, einen gesunden Darm und keine Gelenkprobleme. Gestern hat Möbius seine Puten auf die Wiese gelassen. Zwei haben die Nacht im Freien verbracht, weil sie abends nicht mit zurück in den Stall wollten. Jetzt leisten sie den 50 Gänsen draußen Gesellschaft. 10.000 Quadratmeter Auslauffläche bietet Möbius dem Geflügel.

Er möchte, dass die Tiere nicht nur Fett, sondern vor allem gutes Muskelfleisch ansetzen. Er füttert sie mit Futter, das weniger Eiweiß enthält und deswegen sehr energiearm ist. Seine Kunden wissen das zu schätzen: Sie kommen aus Moers, Krefeld und Duisburg. Einige ehemalige Bewohner legen sogar noch weitere Wege zurück nach Rumeln. Mitten im Grünen und fern der Wohnsiedlung liegt sein Geflügelhof mit dem Laden. Dort verkauft er das Fleisch seiner Puten und Gänse sowie Wildfleisch.

Mehr als 20 Jahre ist es her, dass Möbius den Hof von seinen Eltern übernommen hat. Sie haben den Betrieb 1972 gekauft und später mit der Putenzucht begonnen. Damals stand Putenfleisch kaum auf dem Speiseplan der Deutschen. Aus Amerika übertrug sich die Vorliebe nur langsam für das fettarme und zarte Fleisch. Als die Eltern den Betrieb kauften, lebten dort noch Legehennen. Sein erstes Taschengeld verdiente Möbius sich mit Eiertouren, auf denen er mitfuhr.

Geboren ist er eigentlich im Stadtteil Wanheimerort. Doch Rumeln ist er immer treu geblieben. Seit kurzem lebt Möbius sogar auf dem Hof, zusammen mit seiner über 80-jährigen Mutter, die noch ziemlich fit ist. "Wenn man nicht aufpasst, steht sie auf der Leiter und putzt die Fenster", sagt Möbius. Mit 16 Jahren begann er eine Ausbildung in Geflügelwirtschaft und Kleintierzucht. Nach der Ausbildung arbeitete er für eine Zucht mit einer Viertelmillion Hähnchen. Ein Knochenjob. Da konnte es vorkommen, dass man zu Schlachtzeiten zu zweit in einer Nacht je 30 Tonnen frisches Hähnchenfleisch in Lkw verlud. "Stundenlang dieselbe Arbeit, das war sehr monoton", erzählt Möbius. "Jetzt mache ich alles: den Hof fegen, den Trecker reparieren und den Papierkram."

Massentierhaltung ist nicht seine Sache. Seine Tiere kommen zu ihm, wenn sie fünf Wochen alt sind - und verlassen seinen Hof dann erst wieder in Tüten verpackt im Kofferraum seiner Kunden. "Ich behandle meine Tiere mit Respekt und Würde. Das muss ich auch, solange ich meine Brötchen damit verdiene." Sentimental ist er aber nicht. "Ich habe keine emotionale Bindung zu den Tieren." Trotzdem beherbergt er auf dem Hof auch besondere Tiere: Unter den Gänsen leben zwei, die 20 Jahre alt sind. "Mädels" nennt Möbius sie. "Die sind irgendwann mal nach Weihnachten übrig geblieben." Sogar der Fuchs hat sie in all den Jahren nicht geholt. Auch vier Laufenten dürfen auf der Wiese leben und Hahn Konstantin mit seiner Henne.

Möbius' Ziel lautet: weniger Fleisch in besserer Qualität. Und das zu fairen Preisen. Das Kilo Putenfleisch kostete bisher 7,90 Euro. "Das dürfte ruhig teurer sein", findet sein Geschäftspartner Clemens John. Jetzt bereitet sich Möbius auf Weihnachten vor. Eines weiß Möbius schon jetzt: "Wir kriegen einen strengen Winter." Das sieht er an vielen Eicheln auf seiner Wiese.

Quelle: RP
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