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Tim Isfort
Musik braucht Offenheit statt tauber Ohren

Tim Isfort: Musik braucht Offenheit statt tauber Ohren
Handshake mit Bundespräsident Joachim Gauck. FOTO: Archiv
Duisburg. Der Duisburger Musiker und Projektmacher setzt sich für den Austausch zwischen Europa und Myanmar ein. Konzert am Samstag.

Zu einer ungewöhnlichen musikalischen Begegnung zwischen zwei asiatischen und zwei deutschen Ausnahmemusikern kommt es am Samstag, 18. April, um 20 Uhr, im "Grammatikoff": Hein Tint ist Meister des nur in Myanmar existierenden Pat Waing, einem diatonischen Trommelkreis, bestehend aus 21 Instrumenten. XuFengxia gilt dagegen als Spezialistin mehrerer chinesischer Saiteninstrumente und weiß mit ihrer variationsreichen Stimme zu experimentieren. Dazu gesellen sich der Saxofonist, Komponist und Initiator dieses Dialoges Jan Klare und der Bassist, Kurator und Projektmacher Tim Isfort. Diese engagieren sich in dem von Isfort aus der Taufe gehobenen Kulturaustausch-Projekt "Myanmar meets Europe". RP-Autor Olaf Reifegerste sprach mit Tim Isfort.

Im Herbst 2010 unternahmst du deine erste Reise nach Myanmar, um einen Annäherungsversuch zur Kultur in diesem bis dahin politisch weitgehend abgeschotteten südostasiatischen Land zu wagen. Es gelang dir schließlich als damaliger künstlerischer Leiter des "Traumzeit"-Festivals im Juli 2011 Ensembles und Einzelkünstler von dort für vier verschiedene Traumzeit-Konzerte und einen Workshop nach Duisburg zu holen. Was ist seitdem mit dem Myanmar-Projekt passiert?

isfort Mein erster Besuch in Myanmar erfolgte 2010 auf Einladung der deutschen Botschaft in Yangon (Rangun): ein Workshop mit jungen Studenten, Konzerte in Kooperation mit Briten und Franzosen sowie ein denkwürdiger Abend in der russischen Botschaft mit gemischter Besetzung - im Publikum wie auf der Bühne. Da habe ich verstanden, was beide Kulturen voneinander lernen können. Seitdem war ich bestimmt zehnmal in Myanmar, habe an die 20 Musiker aus ganz Europa nach Birma gebracht und viele der burmesischen Musiker waren inzwischen fast genauso oft in Europa, wurden von großen Festivals eingeladen und wir haben gemeinsam tolle Konzertmomente erlebt. Das Wichtigste aber an diesem kulturellen Austausch ist Kontinuität! Mein letzter Aufenthalt in Myanmar war im vergangenen Herbst, als ich gemeinsam mit 25 Musikern dort auf Tournee ging. Das Erlebte kann man kaum beschreiben. Es ist einfach großartig, was sich in den wenigen Jahren seit Bestehen des "Myanmar meets Europe"-Projektes alles entwickelt hat! Und es erfüllt mich ein wenig mit Stolz, wenn ich sehe, wie einige unserer ersten burmesischen Musikstudenten inzwischen in der Lage sind, mit Musik ihre jungen Familien durchzubringen: Sie spielen in Hotels, geben Musikunterricht und/oder produzieren ihre eigenen CDs.

Zwei Partner deines Projektes "Myanmar meets Europe", nämlich das Goethe-Institut und das NRW-Kultursekretariat, sind seit der "ersten Stunde" dabei. Was schätzt du an deren Engagement ganz besonders?

Isfort Ohne das Goethe-Institut und das NRW-Kultursekretariat (später auch das Land NRW) wäre von dem, was bisher erreicht wurde, nichts möglich gewesen. Auch das Auswärtige Amt, der WDR, verschiedene Stiftungen und Sponsoren haben die Entwicklung dieses wohl einzigartigen Kulturaustauschprojektes punktuell begleitet oder gefördert.

Selbst Bundespräsident Joachim Gauck kennt inzwischen das Myanmar-Projekt. Wie kam es dazu?

isfort Das neue Haus des Goethe-Instituts in Yangon solle ein Ort der Begegnung, der künstlerischen Freiheit, der Sprache, Kunst und Kultur werden, so hatte es dessen Leiter, Xaver Augustin, postuliert. Im vergangenen Jahr haben wir dort mit Musikern aus Myanmar, Italien, den Niederlanden und Deutschland gemeinsam zur Eröffnung gespielt. Der Bundespräsident war so begeistert, dass er spontan zu uns auf die Bühne kam und sich bei allen persönlich bedankte. Unser burmesischer Sänger hat mit ihm sogar getanzt und gesungen - sehr zum Entsetzen der Bodyguards. Herrlich!

Warum hat es "Weltmusik" so schwer, Unterstützung zu bekommen?

isfort Der Begriff "Weltmusik" ist missverständlich. Folk, Traditionelles, Crossover, Jazz, World, Ethno, Musik der Migrantenkulturen - die Fachwelt kann wunderbar darüber streiten und diskutieren! Schwierig bis unmöglich ist ihre Einordnung: Nicht jede traditionelle Musik passt auf dieses oder jenes Festival, nicht jeder "Balkan-Beat" in eine vermeintlich entsprechende Radiosendung. Tango, Klezmer, keltische Harfe oder indische Ragamusik haben wiederum wenig gemeinsam mit dem, was die Musik Myanmars ausmacht. Alles in allem: Es gibt keine Sparte "Weltmusik".

Wie war deine Erfahrung in Duisburg?

Isfort Musik, gleich welcher Art, erfordert Offenheit, sich mit einer völlig unerhörten Musik auseinanderzusetzen, sich auf sie einzulassen, in sie einzuhören... Ich habe in Duisburg bei verschiedenen Stellen versucht, in irgendeiner Form Unterstützung für diesen Kulturaustausch zu bekommen - und bin leider fast immer nur auf "taube Ohren" gestoßen. Selbst der Myanmar-Schwerpunkt bei der Traumzeit 2011 stieß bei den Verantwortlichen auf wenig Gegenliebe und Unterstützung und konnte nur unter der Bedingung realisiert werden, dass dieser sich kostenneutral zur Traumzeit selbst verhält. Paradox in dem Zusammenhang ist es, dass ausgerechnet die sogenannte freie Szene ein solches weltumspannendes Konzert im Rahmen des "Platzhirsch"-Festivals 2013 unterstützte. Doch es geht gar nicht primär ums Geld: Die richtige Einstellung, Differenziertheit, die entschiedene Haltung, eine Vision, wenigstens ein ernsthaftes Interesse - das wären Zeichen und Anfänge.

In welchem Zusammenhang zum Myanmar-Gesamtprojekt steht das Konzert am Samstag im "Grammatikoff", das mit XuFengxia eine chinesische Künstlerin dabeihat?

isfort Der Kopf unseres seit Jahren befreundeten burmesischen Orchesters, Hein Tint, ist inzwischen mit einer Deutschen verheiratet und lebt zeitweise in Berlin. Dadurch können wir auch in kleinen Besetzungen auftreten, musikalisch weiter in die Tiefe gehen und neue musikalische Kapitel aufschlagen. Jan Klare hat nun XuFengxia mit ins Boot geholt. Jeder von uns vieren steuert beim "Grammatikoff"-Konzert eigene Kompositionen bei, die dann gemeinsam ausgearbeitet werden. Auch dieses Konzert ist in Duisburg nur möglich, weil es mit dem "Grammatikoff" einen engagierten Veranstalter gibt und das NRW Kultursekretariat solche musikalischen Dialoge fördert. Außerdem ist es eine Preview zum diesjährigen "Platzhirsch"-Festival. Also hingehen, Eintritt zahlen und Ohren öffnen!

Quelle: RP
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