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Duisburg
Musik kennt keine Grenzen

Duisburg: Musik kennt keine Grenzen
Gerhard Stäbler, der am Mittwoch seinen 67. Geburtstag feierte, trat in Konzert selber als Sprecher auf (links). Die Kulturkirche Liebfrauen erwies sich als idealer Spielort für Neue Musik und entsprechende Performances. FOTO: dong yue
Duisburg. Ein bemerkenswertes Gründungskonzert mit Kompositionen aus China, Korea, Spanien und Deutschland vom neuen Ensemble "Tempus Loquendi" in Düsseldorf und tags darauf in der Kulturkirche Liebfrauen in Duisburg. Von Olaf Reifegerste

Seitdem die Komponisten Gerhard Stäbler und Kunsu Shim im vergangenen Jahr nach fünfjähriger Abwesenheit, dank städtischer Weichenstellung, wieder zurückgekehrt sind in den Garten der Erinnerung des Duisburger Innenhafens, hat Neue Musik in der Stadt wieder erfrischen Aufwind. Musikalisch umtriebig wie eh und je, sind die beiden bemerkenswerten Künstler doch nicht nur am Standort Innenhafen aktiv, sondern auch in Duisburgs Innenstadt, in Düsseldorf, Moers, Essen, Köln, Würzburg, Berlin, Leipzig, Stuttgart, aber auch in Österreich, den USA und Südamerika, um nur einige Stationen des vergangenen halben Jahres aufzuzählen.

Auch bei der jetzigen Neugründung des 16-köpfigen Ensembles "Tempus Loquendi" haben die beiden sympathischen Duisburger Musikmacher ihre Hände mit im Spiel gehabt. Seine Mitglieder sind alle ausgebildete Musiker aus verschiedenen Ländern Asiens und Europas. Ihr wichtigstes Ziel ist der Kulturaustausch als Verbindung zwischen westlicher und östlicher Kultur. Doch es gehe nicht nur um den Kulturaustausch zwischen Ländern und Kontinenten, betonte die Ensemble-Gründerin und preisgekrönte chinesische Komponistin Linna Zhang in ihrer Begrüßung, sondern auch zwischen Arten verschiedener Kunstformen: Musik, Literatur, Tanz, Bildende Kunst.

FOTO: Dong Yue

"Tempus Loquendi" heißt ins Deutsche übersetzt so viel wie "Zeit zu reden". Von daher war der Titel für das Gründungskonzert mit "It's time to talk" gleich mehrschichtig symbolhaft gewählt. Und weil das Ensemble für Neue Musik seinen Sitz in Düsseldorf hat, fand das Premierenkonzert am Dienstag aus naheliegenden Gründen in der dortigen Robert-Schumann-Hochschule statt. Tags darauf folgte dann der beeindruckende Auftritt der Musiker in der Duisburger Kulturkirche Liebfrauen. Den Kontakt zum (neuen) Vorstand der "Stiftung Brennender Dornbusch", dem Träger der Kulturkirche, hat wiederum das Gespann Stäbler-Shim hergestellt. Wolfgang Esch, Vorstandsvorsitzender der Stiftung, sagte nach dem Konzert: "Das war ein würdiger Rahmen für das Gründungskonzert. Und so freue ich mich, wenn Stäbler und Shim neben vielen anderen Komponisten, Performance-Solisten und Ensembles im Oktober anlässlich der 'Muziekbiennale Niederrhein' erneut mit Neuer Musik und dazugehöriger Poesie in der Kulturkirche Liebfrauen zu Gast sein werden."

Und in der Tat ist dieser Spielort ideal für Neue Musik und derartige Performances. Umso mehr war das Gründungskonzert für diese Musikrichtung ungewöhnlich unterhaltsamen, standen immerhin Musikwerke von sieben zeitgenössischen (und noch lebenden) Komponisten aus Asien und Europa auf dem Festprogramm. Vier davon waren vorgestern Abend sogar anwesend: die besagte chinesische Komponistin Linna Zhang, die seit 2008 in Deutschland lebt und zwischen früherem Heimat- und heutigem Lebensraum in Sachen Musik und Komposition unterwegs ist, Frank Zabel, Professor an der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf sowie der in Südkorea geborene Kunsu Shim und Gerhard Stäbler, der am Mittwoch zudem seinen 67. Geburtstag feierte. Die drei anderen Komponisten waren der Deutsche Manfred Trojahn, der Chinese Guoping Jia und der Spanier José Maria Sánchez-Verdú.

Zu den unterhaltsamen Nuancen des Konzertes gehörte Linna Zhangs Komposition "Kreuz II", die mit Luft-Blasen auf der Posaune und Luft-Schlägen auf der Trommel für eine Art visuelle Musik sorgte. Zudem standen die beiden Musiker Zichao Wang (Trommel) und der als Gast agierende Matthias Schuller (Posaune) während ihres Spiels in kämpferisch anmutender Geste gegenüber. Nicht weniger attraktiv für das Auge und anregend für das Ohr waren Kunsu Shims "Drei Stücke". Zunächst bildeten Julio G. Vico am Flügel links, Pablo Henriquez Medina am Cello in der Mitte und Naomi Hilger an der Violine rechts auf der nahezu gesamten Breitfläche der Kirche eine Art magisch-rotierendes Dreieck. Im zweiten Stück wechselte die Violine nach links außen, während im dritten Stück das Cello nach rechts wechselte.

Fast schon symphonisch klangen zumindest Teile der Kompositionen von Trojahn und Jia, die jeweils vom jungen chinesischen Dirigenten Yang Jiao meisterhaft in Szene gesetzt und zu Gehör gebracht wurde. Den Abschluss bildete erneut unter seinem Dirigat die Komposition von Gerhard Stäbler "Nähte der Luft". Besetzt mit acht Musikern (Violine, Cello, Flöte, Oboe, Bassklarinette, Klavier und Schlagzeug) und einem Sprecher (Stäbler) basiert das Werk auf einem Gedicht des ukrainischen Kult-Schriftstellers Serhij Zhadan "Leben heißt sterben". Dort heißt es: "Nach dem Tod trittst du einen halben Schritt zur Seite und siehst durch die Nähte der Luft, wie geheimnisvolle Filmvorführer einen großen Himmelsprojektor auf deinen Körper richten, damit die Seelen der Toten und die smaragdfarbenen Schatten der Käfer gegen sein Licht fliegen." Und parallel zu dieser Zhadan-Poesie läutete wohltuend entschleunigend dann auch die Musik der Stäblerschen Komposition das Ende des Werkes und zugleich des Abends ein.

Es gab großen Beifall für alle - zurecht!

Quelle: RP
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