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Duisburg
Nicht an den Menschen vorbeimogeln

Duisburg: Nicht an den Menschen vorbeimogeln
Ein Gottesdienst in der Hamborner Abteikirche im Kreise der Prämonstratenser ist stets etwas Besonderes. Abt Albert (4. von rechts unten) wird über die Menschwerdung Gottes predigen. FOTO: rp-archiv
Duisburg. Die RP hat evangelische und katholische Geistliche gebeten, Kerngedanken ihrer Weihnachtspredigten vorab mitzuteilen. Von Peter Klucken

Was predigen katholische und evangelische Geistliche an Heiligabend oder am Ersten Weihnachtstag? Wir haben einige Pfarrer und Pastoren gebeten, Gedanken aus ihren Predigten für diesen Artikel vorab mitzuteilen. Hier die Zusammenfassung, die über den eigenen Kirchturm hinausgeht:

Pfarrer Armin Schneider, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Duisburg, hält als Krankenhausseelsorger am Heiligabend eine Christvesper und Predigt in der Kapelle des Evangelischen Krankenhauses Duisburg-Nord. Dazu sind alle willkommen. Seinen Predigtansatz skizziert er so: Die Weihnachtsgeschichte beginnt nicht weihnachtlich, sondern staatlich: mit der Volkszählung des Kaisers Augustus. Die Menschen werden gezählt, erfasst, berechnet. Das ist bis heute nicht so viel anders: In unserer Welt zählt, was erfasst, berechnet, gezählt werden kann. Der Evangelist Lukas erzählt dazu eine Gegen-Geschichte, eine Geschichte von kleinen Leuten: "Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa...." Aus dieser Erzählung von kleinen Leuten ist große Geschichte geworden. Sie hat die Welt verändert. Das Kind in der Krippe zeigt, was wirklich zählt: nämlich Liebe und Menschlichkeit. Nichts sonst.

Weihnachtsstimmung in der Salvatorkirche, Duisburgs Stadtkirche.

Burkhard Jehl, Pastor der katholischen Gemeinde Christus-König und stellvertretender Pfarrer der Pfarrei Liebfrauen, möchte in seiner Weihnachtspredigt folgenden Gedanken erläutern: Gott ist Mensch geworden. Das feiern wir Christen heute. Und wer den Weg zu Gott sucht, der kann sich unmöglich am Menschen vorbei mogeln. Keiner kann sagen, er liebe Gott, wenn ihm die Menschen um ihn herum egal sind. Keiner kann sagen, er würde Gott suchen, wenn er dabei die Augen vor den Menschen und deren Nöte verschließt. Denn seit der Weihnacht vor 2000 Jahren gehören Gott und Mensch untrennbar zusammen: Gott ist nicht mehr ohne Menschen zu denken, und wir dürfen auch den Menschen nicht mehr ohne Gott denken. Seit der Geburt in Bethlehem trägt Gott das Angesicht der Menschen, und jeder Mensch trägt das Angesicht Gottes.

Pfarrer Dirk Sawatzki von der Evangelischen Kirchengemeinde Trinitatis in Wedau, führt provakant in seine Weihnachtspredigt ein: "Nein, heute geht es mal nicht um Flüchtlinge. Wenn Sie das erwartet haben, muss ich Sie enttäuschen. Flüchtlinge waren in den letzten Gottesdiensten häufig genug Thema. Heute gibt es keine moralischen Appelle, kein Missbilligen von Fremdenfeindlichkeit, kein Gutheißen der Willkommenskultur. Heute feiern wir Weihnachten. Da steht allein das Kind in der Krippe im Mittelpunkt. Die Familie, die keinen Raum fand in der Herberge. Die dann mit dem Kind unter Lebensgefahr über die Grenze fliehen musste nach Ägypten. Es geht um das Kind, das zu dem Mann wurde, der sich der Verlorenen angenommen und sich den Elenden gleichgemacht hat. Von dem es im Johannesevangelium heißt: ,Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf'. Um nichts anderes wird es heute gehen als um das Kind in der Krippe und den Mann am Kreuz. Ob Ihre Erwartungen von diesem Kind, von diesem Mann am Ende dann vielleicht doch gar nicht enttäuscht werden können?"

Abt Albert von der Abtei in Hamborn setzt in einer seiner Weihnachtspredigten folgenden Schwerpunkt: Weihnachten, die Menschwerdung Gottes, verpflichtet uns Christen, selbst wirklich Mensch zu werden, so wie Gott ihn geschaffen hat, nach seinem Bild und Gleichnis. "Erschienen ist uns die Menschenfreundlichkeit und Güte Gottes, unseres Retters", heißt es im Titus-Brief, der in der Weihnachtsmesse verlesen wird. Unser Menschsein soll etwas widerspiegeln von dieser Güte, von diesem Erbarmen, von der Liebe Gottes. Maßstab ist dabei stets das Kind in der Krippe, ist Jesus. Abt Albert wird auch daran erinnern, dass der Orden der Prämonstratenser am Weihnachtsfest des Jahres 1121 gegründet wurde.

Hauke Faust, Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde Großenbaum-Rahm und Gefängnisseelsorger, wird einen historischen Bogen von der Zeit des römischen Kaisers Augustus bis zur Gegenwart schlagen: Das Geld für die römischen Prachtbauten kam aus den Provinzen. Von dort wurde das Geld nach Rom abgeführt. Diese Bürokratie war militärisch abgesichert. Sie brachte für die landlose und besitzlose Bevölkerung Not und Verelendung. Maria und Josef können ein Lied davon singen, als sie aufgrund des kaiserlichen Erlasses nach Bethlehem gehen müssen, um sich in Steuerlisten eintragen zu lassen, immer auf der Suche nach Unterkunft und Bleibe. Den Hirten und ihnen wird nun ein ganz anderer Frieden verheißen als die militärisch und bürokratisch abgesicherte Pax Romana: Der Friede Gottes, der Menschen Gerechtigkeit, Würde und Hoffnung zuspricht, den Armen zuerst. Ihnen und allen Menschen damals und heute, die vorher ohne Hoffnung waren, wird ein neues Evangelium gesagt: "Friede für dich und alle Menschen, an denen Gott Wohlgefallen hat, weil er euch liebt".

Roland Winkelmann, Pfarrer der katholischen Pfarrgemeinde St. Judas Thaddäus, beschreibt den Ansatz seiner Weihnachtspredigt folgendermaßen: Weihnachten ist DAS Fest der Sehnsucht, Sehnsucht nach Geborgenheit, Harmonie, Liebe, Gerechtigkeit, Frieden; Sehnsucht nach einer heilen Welt, in der die Menschen ihre großen Fähigkeiten einsetzen, das Leben zu fördern, nicht es zu vernichten. Gerade diese Sehnsucht nach der anderen Welt macht Weihnachten aber auch für viele zu einem Problem. Zu schön, um wahr zu sein! Wo ist denn dieser Gott, von dem man jetzt wieder lauthals singt? Warum handelt er nicht, greift er nicht ein, tut er nichts? Ein echtes Problem. Aber das Problem ist nicht Gott. Denn er hat längst gehandelt. Das Problem ist, dass wir keine Augen für sein Handeln haben; wir leben, als hätte es Weihnachten nie gegeben...

Frank Hufschmidt, Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Meiderich, stellt in den Mittelpunkt des Gottesdienstes, der sich in erster Linie an Familien mit älteren Kindern richtet, das Weihnachtsspiel mit dem Titel "Wie es dazu kam, dass man den Geburtstag von Jesus feiert". Sieben Kinder spielen hier Christinnen und einen Kaiserboten im Römischen Reich des 4. Jahrhunderts. Dabei kommt die Kritik an der Selbstherrlichkeit des Kaisers ebenso zur Sprache wie die Friedens- und Liebesbotschaft, für die Jesus Christus steht. In der anschließenden kurzen Rede an die Erwachsenen soll dann ein Gedanke zur Sprache kommen, der sich an die Aussage des Weihnachtsspiels unmittelbar anschließt, nämlich: Den Schlüssel zur Lösung der drängenden Probleme unserer Zeit wie die Ungleichverteilung der lebensnotwendigen Güter auf der Erde sowie die Zerstörung unserer Umwelt hält letztlich nicht die Politik in Händen, sondern jeder einzelne von uns. Weihnachten macht uns Mut, neue Wege zu gehen: Wege abseits von Gewalt und Gegengewalt, abseits von Fremdenhass und sozialer Kälte, Wege des gemeinsamen Lebens von Mensch und Natur.

Quelle: RP
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