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Dr. Alfred Wendel
Opernkrise machte Orchester stark

Duisburg. Der Intendant der Duisburger Philharmoniker warnt davor, die Kultur als Einspar-Potential zu sehen. Von Peter Klucken

Wie wichtig ist für die Philharmoniker die Entscheidung der Stadträte von Duisburg und Düsseldorf, die Opernehe um fünf Jahre zu verlängern?

Wendel Superwichtig! Obwohl nach der anstrengenden Saison alle ziemlich geschafft sind, ist die Stimmung bei den Philharmonikern jetzt wieder ausgezeichnet. Wir hatten in den vergangenen Monaten den Eindruck, ein Damokles-Schwert hänge über uns. Niemand wusste genau, ob und wie lange es mit dem Orchester weitergeht. Jetzt wurde der Opernvertrag wieder um die üblichen fünf Jahre verlängert. Und nicht, wie zuletzt, nur um drei Jahre. Wichtig ist dabei wohl auch, dass die Verlängerung der Opernehe über die Frist des sogenannten Stärkungspaktes, der die Finanzen der Stadt konsolidieren soll, hinaus geht. Die Operngemeinschaft von Düsseldorf und Duisburg scheint somit dauerhaft gesichert zu sein.

Wie denken Sie heute über die Krise im Jahr 2012, als das Ende der Rheinoper von Seiten der Politik diskutiert wurde?

wendel Das war damals ein Schock. Heute kann man sagen, dass die Rheinoper und damit auch die Duisburger Philharmoniker, die regelmäßig im Orchestergraben spielen, aus dieser Krise gestärkt hervorgegangen sind. Dazu trugen Tausende Menschen bei, die gegen die Schließungspläne protestiert hatten. Mit einer solchen Solidaritätsbekundung, die selbst im internationalen Vergleich ohne Beispiel ist, haben wir alle nicht gerechnet. Ich glaube, dass viele mittlerweile eingesehen haben, dass Kultur nicht einfach als Einspar-Potential gesehen werden darf, auch wenn sie formal eine "freiwillige Aufgabe" der Stadt ist. Kultur gehört zur Identität der Menschen; auch wenn sie, wie etwa die klassische Musik, nicht uneingeschränkt massentauglich ist. Übrigens haben damals auch Menschen für den Erhalt der Opernehe gestimmt, die selber nur ganz selten ins Theater gehen. Sie wollten, so sagten sie mir damals, nicht in einer großen Stadt leben, in der Theater geschlossen werden.

Nicht nur das drohende Ende der Opernehe belastete das Orchester, auch die Abozahlen gingen dramatisch zurück, weil die Besucher das Theater am Marientor als Konzertort nicht voll akzeptierten. Wie sieht die Abo-Situation jetzt aus?

wendel Die Abwärtswelle konnte glücklicherweise gestoppt werden. Heute haben wir bei den Philharmonischen Konzerten im TaM eine Auslastung von durchschnittlich 80 Prozent.

Es waren in der ersten TaM-Phase nach dem Abbruch der alten Mercator-Halle eine Zeitlang nur rund 60 Prozent...

wendel Genau. Aber wir haben das Theater am Marientor mit neuer Technik akustisch verbessert. Auch überzeugten unsere Konzertprogramme, bei denen wir eine Balance zwischen Tradition und neuerer Musik, "zwischen Bewährtem und Unerhörtem", anstreben. Man kann wohl mit Recht sagen, dass die Duisburger Philharmoniker zu den besten Klangkörpern in Nordrhein-Westfalen gehören. In der kommenden Saison zeigt sich das übrigens wieder einmal; so haben wir beispielsweise eine Einladung ins berühmte Amsterdamer Concertgebouw bekommen. Am 20. August werden die Duisburger Philharmoniker unter der Leitung von Giordano Bellincampi dort spielen. Eine Einladung ins Concertgebouw haben Giordano Bellincampi und ich im Vorwort zum "play"-Magazin der Philharmoniker als "Ritterschlag" bezeichnet.

In der kommenden Saison findet man neben eher "typischen" klassischen Konzerten auch Konzerte, die unter der Überschrift "Grenzüberschreitungen" angeboten werden. Darunter ein Konzert, bei dem die Jazzlegende Chris Barber zusammen mit den Duisburger Philharmonikern unter der Leitung von Giordano Belllincampi gastieren. Was steckt dahinter?

wendel Die Duisburger Philharmoniker verfügen über ein großes musikalisches Spektrum. Sie können ein Programm anbieten, dass auch Menschen anspricht, die noch nicht zu unserem typischen Abonnentenkreis gehören. Das zeigt sich beispielsweise bei unseren Open-Air-Konzerten, bei Stummfilm-Begleitungen im Sommerkino oder bei anderen Sonderveranstaltungen wie der Nacht der Industriekultur oder bei der ein oder anderen Traumzeit. Die Philharmoniker können und sollen mehr als das "nur Normale" bieten. Das ist wohl auch ein Grund für die Beliebtheit des Orchesters.

Bevor Sie Abitur machten und Musikwissenschaften studierten, haben Sie eine Ausbildung als Maschinenschlosser absolviert. Ist das für Sie noch von Belang?

Wendel Unmittelbar in meinem Beruf wohl nicht. Aber ich bin handwerklich durchaus geschickt und kann zu Hause Vieles selber richten. In meiner Lehre, die ich als 15-Jähriger begann, habe ich aber Arbeitsdisziplin und Kollegialität zu schätzen gelernt. Beides ist bis heute wichtig.

Im August geht Wilfried Gehse als Geschäftsführer der Duisburger Philharmoniker in den Ruhestand. Wer folgt auf ihn?

wendel Wilfried Gehse hat einen tollen Job gemacht. Wir müssen uns alle bei ihm ganz herzlich bedanken. Seine Aufgaben übernimmt in einem etwas anderen Zuschnitt Martin Schie, der Orchester-Manager wird.

Bekam Martin Schie deshalb im letzten Konzert am Schluss Blumen vom Orchestervorstand?

Wendel Ja, es war sein letztes Philharmonisches Konzert als Solo-Oboist.

Martin Schie ist einer der renommiertesten Duisburger Philharmoniker. Weshalb wechselt er nun die Seite?

wendel Martin Schie ist mein Wunschkandidat. Ich habe ihn gefragt, und er hat nach einer Bedenkzeit zugesagt. Martin Schie ist eine hoch angesehene Persönlichkeit, er ist im Orchester sehr beliebt, hat viele Jahre im Orchestervorstand gearbeitet. Als Orchester-Manager kann er sein musikalisches Wissen, seine guten Kontakte zu den Kollegen und Dirigenten sowie seine jahrzehntelangen Konzerterfahrungen einbringen. In den kommenden fünf Jahren bis zu seiner Pensionierung hat er die Möglichkeit, beruflich etwas Anderes, wenn auch Verwandtes machen zu können. Das ist gewiss reizvoll.

Quelle: RP
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