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Duisburg
Ordnungsrecht anstatt Hilfe

Duisburg: Ordnungsrecht anstatt Hilfe
Einen gleichberechtigten Zugang zum Gesundheitssystem - das haben viele Zuwanderer nicht. Oftmals bedarf es ehrenamtlicher ärztlicher Hilfe, um eine Versorgung zu gewährleisten. Einen gleichberechtigten Zugang zum Gesundheitssystem - das haben viele Zuwanderer nicht. Oftmals bedarf es ehrenamtlicher ärztlicher Hilfe, um eine Versorgung zu gewährleisten. FOTO: Armin Fischer
Duisburg. Gestern stellte der Geschäftsführer des Diakoniewerks Duisburg, Sieghard Schilling, seinen Jahresbericht vor, der unter dem Mott steht: "Armut - Leben unter der Grenze". Er fordert mehr Moral bei politischen Entscheidungen. Von Peter Klucken

Gute Analysen über Menschen, die unterhalb der Armutsgrenze leben, gebe es genug. Aber konkrete Hilfen, wie man mit diesen Menschen umgehen soll und wie man ihnen hilft, gebe es kaum. Sieghard Schilling, Geschäftsführer des Diakoniewerks Duisburg, sparte gestern bei der Vorstellung seines Jahresberichtes nicht mit Kritik an den sozialen Verhältnissen im Bund, im Land NRW und in der Kommune. "In einem der reichsten Länder der Erde ist es ein gesellschaftlicher und politischer Skandal, dass Menschen unterhalb der Armutsgrenze leben müssen", sagte er und zitierte dabei eine der Kernaussagen aus dem Jahresbericht des Diakoniewerks, der stets mehr ist als das Auflisten von Zahlen. Beim Jahresbericht geht es immer auch um gesellschaftliche Forderungen und um das Selbstverständnis der gegenwärtig 492 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter dieser Einrichtung.

Natürlich kam Schilling beim Pressegespräch nicht umhin, seine Meinung über das seit kurzem verhängte Alkoholverbot in der Innenstadt nochmals zu erläutern. Wie berichtet, hat Schilling diese von der politischen Mehrheit durchgesetzte Maßnahme bereits öffentlich kritisiert. Sein Hauptkritikpunkt ist, dass den Alkoholkranken statt nötiger Hilfe nur mit dem Ordnungsrecht begegnet wird. "Man vertreibt diese Menschen und verliert sie so aus den Augen." Auf der Strecke bleibt der moralische Wille, sich um die Menschen am Rande der Gesellschaft zu kümmern. "Armut spaltet die Stadtgesellschaft", sagt Schilling. "Vertreiben, ausgrenzen und diskriminieren" von Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, seien Verhaltensweise, die der Würde des Menschen widersprechen. Es entspreche dem diakonischen Selbstverständnis, den vertriebenen, ausgegrenzten und diskriminierten Menschen ihre Würde wieder zurückzugeben.

Ihm gehe es nicht darum, die Stadt Duisburg schlecht zu reden. "Der Aufstieg des MSV ist eine schöne Sache für die ganze Stadt; noch schöner wäre es, wenn jeder die Möglichkeit bekommt, auch mal ein MSV-Spiel zu sehen", so Schilling. Doch Armut verhindere die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben.

Armut und Arbeitslosigkeit hingen zusammen, so Schilling. In Duisburg gibt es laut jüngster Statistik 31.984 Arbeitslose. Davon seien 26.279 Menschen länger als ein Jahr arbeitslos. 14.000 gelten als langzeitarbeitslos; das heißt sie haben seit mehr als vier Jahren keine Arbeit mehr. Nach Auskunft von Schilling gelten 70.000 Menschen in Duisburg als arm. In Duisburg seien 30 Prozent aller Kinder (unter 18 Jahren) von Armut betroffen. Vor vier Jahren waren es noch 26,9 Prozent. Das Ungleichgewicht in der Verteilung von gesellschaftlichem Reichtum führe zu Individualisierung und fördere egoistische Verhaltensweisen. Mit einem Forderungskatalog wendet sich das Diakoniewerk Duisburg an die Öffentlichkeit.

Die wichtigsten Forderungen lesen sich so: "Die politischen Entscheidungen müssen dazu führen, dass jedes Kind einen Kindergartenplatz hat, eine gute schulische Ausbildung bekommt und der Übergang in den Beruf keine lebenslange Hürde bleibt." Eine andere Forderung bezieht sich auf das Arbeitsleben der Erwachsenen: "Wir fordern einen staatlich geförderten Arbeitsmarkt, der die Grundlage für Menschen sein muss, die nicht mehr in den ersten Arbeitsmarkt integriert werden können. Teilhabemöglichkeiten müssen abgesichert werden durch Arbeit für die Betroffenen mit auskömmlicher tariflicher Entlohnung." Man könne nicht leugnen, so Schilling, dass Armut und individuelle Gesundheit zusammenhingen. Deshalb fordert das Diakoniewerk einen "gleichberechtigten Zugang zum Gesundheitssystem für alle".

Schilling drängt darauf, dass die Stadtteile von Politik und Verwaltung auch als Sozialräume gesehen werden, in denen das Zusammenleben so gestaltet ist, dass dort sozialer Frieden herrschen kann, ungeachtet unterschiedlicher kultureller oder religiöser Hintergründe.

Quelle: RP
 
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