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Duisburg
Preis für den Reichtum: Schmutz und Qualm

Duisburg: Preis für den Reichtum: Schmutz und Qualm
An das Bergwerk in Neumühl werden sich wohl nur noch wenige Duisburger erinnern können. FOTO: Stadt DUisburg
Duisburg. Bergbau und Stahlindustrie haben der Stadt mehr als alles andere über viele Jahrzehnte ihren Stempel aufgedrückt. Von Hildegard Chudobba

Jahrzehntelang schmückte sich Duisburg mit dem Beinamen "Stadt Montan" und brachte damit stolz zum Ausdruck, dass hier Kohle gefördert und Stahl gekocht wurde. Dass damit auch jede Menge Staub, Dreck, Ruß und Lärm verbunden waren - das interessierte über weite Strecken wenig. Arbeit war einfach wichtiger. Sie ließ Duisburg zur Großstadt werden und machte beispielsweise die einst selbstständige Stadt Hamborn so reich, dass die Alt-Duisburger nur neidisch über die Ruhr gucken konnten.

Die großen Innenhöfe der Thyssen-Siedlungen boten reichlich Platz, um Gemüse und Obst anzubauen.

Den Beinamen hat die Stadt lange abgelegt. Denn Kohle wird aus Duisburgs Erde nicht mehr nach oben befördert. Die letzte Zeche, die in Walsum, schloss 2008. Und der Stellenwert der Stahlindustrie ist stark gesunken, auch wenn ThyssenKrupp Steel mit rund 15.000 Arbeitsplätzen immer noch größter Arbeitgeber hier ist. Doch es war mal ein Zigfaches, auch ohne Krupp in Rheinhausen dazuzurechnen. Die Schließung dieses Werkes machte die Stadt Ende der 1980er in aller Welt bekannt, weil bis dahin offenbar noch nie zuvor eine Belegschaft so vehement, geschlossen und leidenschaftlich für ihre Arbeitsplätze gekämpft hat - vergeblich, wie wir heute wissen.

Doch zurück zur Stadt Montan. Dass in der Erde hier das schwarze Gold liegt, das haben schon unsere Ururahnen gewusst, die jedoch lange Zeit nicht die richtigen Abbaumethoden kannten und auch den Wert dieses fossilen Brennstoffs nicht zu schätzen wussten. Das war damals, als das heutige Stadtgebiet weitgehend aus Wäldern bestand, die man bequem abholzen und verfeuern konnte. Zugegeben, das war vor urdenklichen Zeiten.

Kohleabbau und Stahlherstellung erlebten in unserer Stadt bald zeitgleich ihre Blütezeit ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Vereinigten Stahlwerke, die Anlagen von August Thyssen, die der Mannesmann-Brüder und auch die Krupps, die ihr Werk allerdings damals noch im selbstständigen Rheinhausen bauten (also nicht in Duisburg) - sie alle brauchten Kohle für die Stahlproduktion. Vor allem nördlich der Ruhr kamen sie gut an den Brennstoff heran, so dass hier ab Mitte des 19. Jahrhunderts eine Zeche nach der anderen aus dem Boden schoss. Rechts der Ruhr wurde in Neuenkamp, aber auch in Hochfeld nach dem schwarzen Gold gesucht - der Erfolg war allerdings so mäßig, dass beide Zechen schnell wieder geschlossen wurden.

Hinter dem Hamborner Finanzamt steht noch ein Förderturm.

Im Norden war das anders. Hierdeuten heute noch Zechenhaus-Siedlungen auf die Bergwerksgeschichte hin. In Neumühl beispielsweise wurde ein ganzes Quartier unter Denkmalschutz gestellt. Auch im Duisburger Westen findet man diese fürs Ruhrgebiet so typischen kleinen Siedlungshäuser mit meist großen Gärten und Anbauten, in denen Hühner, Kaninchen und Schweine gehalten wurden. Genau so unverwechselbare sind die Kolonien, die Thyssen für seine Belegschaft bauen ließ. Die Einwohnerzahl wuchs um die Wende des 19. zum 20. Jahrhundert rapide wie nie zuvor und auch nie mehr danach, wenn man den Zuwachs durch die Kommunale Neuordnung mal außer acht lässt. Ganze Straßenzüge in Hamborn und Marxloh zeugen bis heute davon, dass hier vor mehr als 100 Jahren schnell viel Wohnraum geschaffen werden musste. Meist gruppierten sich die dicht an dicht gebauten Mehrfamilienhäuser um große Innenhöfe. Sie boten ebenfalls Raum, um Gemüse anzubauen oder Kleintiere zu halten oder auch, um Wäsche zu trocknen und nachbarschaftliche Kontakte zu pflegen.

In Sichtweite der Wohnungen produzierten die Werke ihren Stahl. Umweltschutz - das war früher kein Thema, ein kurzer Weg zum Arbeitsplatz hingegen schon. Denn auch wenn es bereits den öffentlichen Nahverkehr gab, er verfügte längst nicht über ein so dichtes Netz wie heute. Und wer hatte schon ein Auto, um ins Werk zu kommen? Lärm und Dreck schluckten die Anwohner klaglos, von denen viele Migranten aus den im Osten an Deutschland angrenzenden Länder waren. Sie waren glücklich, der Armut in ihren Heimatländern entfliehen zu können und hier Geld zu verdienen. Heute würde man sie vermutlich Wirtschaftsflüchtlinge nennen.

Hochöfen grenzten im Norden an Hinterhöfe von Wohnhäusern.

Erst seit den 1970er Jahren wird mit aller Macht versucht, diese Gemengelage zu entzerren. Der Grüngürtel in Marxloh und Bruckhausen macht deutlich, dass lebenswertes Wohnen inzwischen einen anderen Stellenwert hat als früher. Und die strengen Auflagen für die stahlproduzierenden Betriebe sorgen dafür, dass Stadtteile wie Bruckhausen oder Marxloh nicht mehr in dichtem, schwarzen Rauch versinken.

Mit dem langsamen Sterben der Stahlindustrie ab Mitte der 1970er Jahre wurden immer mehr Flächen frei, die heute für Naherholung genutzt werden. Das beste Beispiel dafür ist der Landschaftspark Nord, wo die Überreste des Meidericher Hüttenbetreibe als Kulisse für Feste, Feiern und große Events liefern, Mutige vom ehemaligen Hochofen aus den Blick übers Revier genießen oder im einstigen Möllerbunker klettern. Der Landschaftspark hat angeblich so viele Besucher, dass er hinter dem Kölner Dom das zweitwichtigste touristische Ziel in NRW ist.

Anderswo zog sich die Industrie zurück und machte den Weg frei für die Ansiedlung von Gewerbebetrieben. Denn der Abschied von Kohl und Stahl bedeutete für Duisburg auch den Verlust von zig Tausend Jobs. Auch wenn viele Beschäftigte über Sozialpläne finanziell abgefedert in den vorgezogenen Ruhestand gehen konnten, ihre Arbeitsplätze nahmen sie quasi mit. Die Leidtragenden waren die jungen Leute, die in den Traditionsbetrieben keine Stellen mehr fanden.

Am eindruckvollsten kompensiert wurde der Stellenschwund auf der linken Rheinseite. Auf dem ehemaligen Krupp-Gelände ist Logport heute ein rund laufender Hochleistungs-Jobmotor. Dort und in den "Filialen" arbeiten mittlerweile mehr Menschen, als in der Krupp-Ära. Neue Arbeitsplätze entstanden im Stadtgebiet aber auch bei Callcentern bzw. im Dienstleistungsgewerbe. Doch die seit Jahrzehnten hohe Arbeitslosenquote unterstreicht in jedem Monat aufs neue, dass die fast alleinige Ausrichtung auf Kohle und Stahl Duisburg vor ziemlich große Probleme gestellt hat und noch immer stellt.

Quelle: RP
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