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Duisburg
Räumen zur Sicherheit für die Bewohner

Duisburg: Räumen zur Sicherheit für die Bewohner
Mit Gabeln haben Bewohner dieses Hauses den Stromkasten manipuliert, um kostenlos Strom abzapfen zu können. FOTO: Stadt Duisburg
Duisburg. Die Stadt Duisburg greift konsequent durch, wenn Wohnungen in einem derart desolaten Zustand sind, dass Gefahr für Leib und Leben der Bewohner besteht. Jüngste Fälle gab es in Marxloh. Von Hildegard Chudobba

Oberbürgermeister Sören Link und seine Rechtsdezernentin Daniela Lesmeister ließen gestern keinen Zweifel aufkommen: Sind Wohnhäuser in einem so schlechten Zustand, dass das Leben der Bewohner in Gefahr ist, wird geräumt und das Haus fest verschlossen. Dabei spiele es gar keine Rolle, welche Nationalität die Mieter hätten. Gemeinsam mit Vertretern der vor zwei Jahren eingerichteten Task Force und des Sonderaußendienstes sowie der Stadtwerke schilderten sie gestern die Notwendigkeit für ihr Handeln am Beispiel einiger Fälle - alle aus Marxloh, überwiegend von der Henriettenstraße und fast ausschließlich mit betroffenen Familien aus Rumänien und Bulgarien.

Im Juni 2016 hatte es in einem Wohnhaus in Marxloh gebrannt. Die Löscharbeiten gestalteten sich für die Feuerwehr als überaus schwierig, weil in dem Gebäude viel mehr Menschen wohnten, als dort Platz war. Das Haus war zudem in einem baulich sehr schlechten Zustand, und Brandschutz war für die Vermieter offenbar ein Fremdwort. Der Fall verlief glimpflich, aber es hätte auch zu einer Katastrophe kommen können.

Müll und Dreck in dem Problemhaus In den Peschen: Schon im Jahr 2014 musste dieses Haus in Bergheim geräumt werden, weil es unbewohnbar war. FOTO: Christoph Reichwein

85 solcher und ähnlicher gefährlicher Immobilien haben die Mitarbeiter des Sonderaußendienstes (Ordnungsamt), der Task Force und andere Beteiligte aktuell identifiziert, erläuterten gestern Link und Lesmeister. "In einem Gebäude liefen uns rund 30 Ratten über die Füße, der Boden war bedeckt mit tierischen und menschlichen Exkrementen, die Wohnungstüren hätten nie und nimmer Schutz vor einem Feuer geboten", so Lesmeister. Rund 60 Personen hätten sich die vier Wohnungen à 80 Quadratmeter geteilt. "Das ist weniger Platz, als für einen Schäferhund vorgeschrieben ist." Solche Zustände könne und dürfe man nicht tolerieren. Das Haus wurde sofort geräumt. Vier Stunden hatten die Bewohner Zeit, ihr Eigentum hinauszutragen. Wer mehr benötigte, konnte auch noch später mit Begleitung der Stadt in die gesperrte Immobilie hinein. Doch der Vermieter wollte das nicht hinnehmen, wendete sich an das Düsseldorfer Verwaltungsgericht mit einem so genannten "einstweiligen Rechtsschutz". Das Gericht wies Anfang der Woche diesen "Einspruch" zurück, gab der Stadt recht und brummte der Klägerin die Kosten auf.

In einem anderen Fall holten die Ordnungsmitarbeiter eine Frau mit einem Neugeborenen aus einem nicht genehmigten Anbau, die dort in katastrophalen Verhältnissen hauste, so der Oberbürgermeister. Das Kleinkind hatte einen Nabelbruch und wäre laut Ärzten ohne Behandlung im Krankenhaus gestorben. Angehörige der Frau versuchten, mit Gewalt das Kind aus der Klinik zu holen. "Die Mitarbeiter haben es wirklich nicht leicht, und ich stehe voll hinter ihrer Arbeit, die sie in meinem Auftrag erledigen", so Sören Link.

Erschreckendes können auch die Stadtwerke berichten, wenn sie aus aktuellem Anlass zur Hilfe gerufen werden. Immer wieder treffen sie dann auf abenteuerlich verkabelte Wohnungen. Da verlegt der Mieter zur Rechten für den zur Linken, dessen Wohnung nicht am Stromnetz hängt, unsachgemäß Kabel. Seine Kabel werden wegen der Überlastung glühend heiß. Oder da wird Strom "geklaut" von Verteilerkästen auf der Straße, ebenso eine lebensgefährliche Aktion. Werden solche oder ähnliche Fälle bekannt, wird sofort eingeschritten. Für die dann stromlosen Bewohner bedeutet dies in der Regel, dass sie ausziehen müssen. Allerdings werden die alternativen Unterbringungsangebote der Stadt in der Regel von ihnen nicht angenommen. "Warum das so ist, wissen wir nicht", so Lesmeister. "Aber wir tun alles, um die Menschen nicht obdachlos zu machen."

Ebenso wie die Rechtsdezernentin äußerte sich gestern auch der Oberbürgermeister empört über die Vermieter, die ihre Mieter in solche Wohnsituation bringen und sich daran auch noch bereichern. Dass sich die "Geräumten" auch noch beschweren und der Stadt unterstellen, sie würden mit Zwang, Pfefferspray oder gar Schlägen aus dem Haus getrieben, sind nach der Einschätzung von Link und Lesmeister unhaltbare Vorwürfe. Und Behauptungen, die Stadt würde dort ohne Dolmetscher aktiv werden, so dass die "Geräumten" gar nicht wüssten, was mit ihnen geschehe, konnten die Beteiligten der Stadt erst recht nicht nachvollziehen.

Quelle: RP
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