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Interview: Hans-Jürgen Petrauschke und Sören Link
"Regio-Kooperation ist kein Selbstzweck"

Interview: Hans-Jürgen Petrauschke und Sören Link: "Regio-Kooperation ist kein Selbstzweck"
Hans-Jürgen Petrauschke (CDU, l.), Landrat Rhein-Kreis Neuss, und Duisburgs OB Sören Link (SPD) beim Gespräch im Düsseldorfer Wirtschaftsclub FOTO: H.-J. Bauer
Duisburg. Der CDU-Landrat aus dem Rhein-Kreis Neuss und der SPD-Oberbürgermeister von Duisburg über Möglichkeiten und Grenzen regionaler Zusammenarbeit, ihre Erwartungen an die neue Düsseldorfer Stadtregierung und die Metropolregion. Von Denisa Richters

Herr Link, Herr Petrauschke, Sie waren beide bei der Immobilienmesse Expo Real. Haben Sie bei der Präsentation von OB Thomas Geisel den Standort Düsseldorf erkannt?

Link Ich kann leider nicht mit einer Einschätzung dienen, weil ich beide Tage am Stand der Metropole Ruhr und nicht bei der Präsentation Düsseldorfs dabei war.

Petrauschke Klar geworden ist, dass für Düsseldorf als Landeshauptstadt die Wohnbebauung eine besondere Rolle spielt. Wenn die Prognosen stimmen, gibt es in den nächsten Jahren einen großen Bevölkerungszuwachs.

Das sind die Entscheider des Regiogipfels FOTO: bezirksregierung

Ein Fall für regionale Zusammenarbeit?

Petrauschke Das gilt für Wohnbebauung wie fürs Gewerbe. Wichtig ist, dass nicht an der einen Stelle wegen neuer Bevölkerung Infrastruktur wie Kitas, Schulen, Straßen oder Kanalisation aufgebaut werden muss, während woanders bei Bevölkerungsrückgang vorhandene Infrastruktur abgebaut werden muss. Wichtig ist, dass die Stadt oder Gemeinde das bietet, was die Einwohner brauchen.

Link Das kann nur abgestimmt funktionieren. Für uns bedeutet das, dass man etwa Wohnlagen im Duisburger Süden so analysiert, dass die Flächen vermarktet werden können und die Infrastruktur darauf abgestimmt ist. Wir werden in diesem an Düsseldorf grenzenden Bereich gezielt neue Baugebiete ausweisen. Das machen wir mit dem Konzept Duisburg 2027 stadtweit für Wohnen, Gewerbe und Grünflächen.

Düsseldorfs OB hat angekündigt, dass hier jährlich 3000 neue Wohneinheiten entstehen sollen. Fürchten Sie, dass durch die Konkurrenz bei Ihnen die Immobilienpreise sinken?

Link So funktioniert regionale Zusammenarbeit nicht. Düsseldorf hat eine starke Entwicklung. Der Wohnungsmarkt trägt dem Rechnung. Von der Stärke Düsseldorfs kann die ganze Region profitieren.

Petrauschke Wir brauchen uns da keine Sorgen zu machen. Jährlich 3000 neue Wohneinheiten sind allein in Düsseldorf schwierig zu bauen, wenn die Stadt attraktiv bleiben will. Es sollte schließlich nicht alles in Düsseldorf zugebaut werden. Wichtig ist, die innerörtliche Bebauung zu erneuern. Das gilt auch und besonders im ländlichen Raum. Sonst entsteht, was man den Donut-Effekt nennt: Wachstum an den Rändern, in der Mitte wird es leer.

Link Bei uns ist der Trend anders. Die Menschen wollen rein in die Stadt, barrierefrei und in einem ruhigen Umfeld wohnen, Familien, Singles und ältere Menschen. Für diese Bedürfnisse gibt es nicht nur die eine richtige Antwort.

Petrauschke Wir leben ja nicht auf einer Insel. Wichtig ist, dass man sich mit den Nachbarn arrangiert. Da passt aber nicht ins Bild, dass Düsseldorfer Schulen keine Kinder mehr aus der Region aufnehmen sollen. Es kann nicht sein, dass man Grenzen wieder hochzieht. Kinder und Eltern suchen die jeweils nächste Schule, ohne auf Gemeindegrenzen zu achten.

Was erwarten Sie von der neuen Stadtregierung bei der regionalen Zusammenarbeit?

Link Die gibt es schon, unabhängig von Parteikonstellationen. Wir hatten bisher eine punktuell sehr gute Zusammenarbeit mit Düsseldorf, zum Beispiel bei der Deutschen Oper am Rhein. Bei Wohnen oder im ÖPNV aber nicht. Da nehme ich die Signale des neuen OB erfreut auf.

Wo sehen Sie denn Möglichkeiten zur Kooperation?

Link Bei der Deutschen Oper ist es ein Gesamtkonstrukt zum beiderseitigen Vorteil. Dafür dass die Düsseldorfer einen größeren finanziellen Beitrag leisten müssen, bekommen sie auch mehr Leistungen. Auch beim ÖPNV und dem Thema Schule sehe ich Möglichkeiten.

Aber es kann nicht sein, dass eine Stadt der anderen den ÖPNV finanziert, um etwa die U 79 zu erhalten ...

Link Mein erster Ansprechpartner ist da sicher nicht die Stadt Düsseldorf, sondern Bund und Land. Es kann nicht sein, dass wir beim Neubau im Verkehrsbereich erhebliche Zuschüsse bekommen, aber nicht für den Erhalt der Verkehrsanlagen.

Herr Petrauschke, wie zufrieden sind Sie mit der Kooperation der Region?

Petrauschke Besser kann es immer werden. Aber es gibt bereits viele Bereiche, wo wir gut zusammenarbeiten. Etwa beim Chemischen Untersuchungsamt, das wir vor vielen Jahren auf Düsseldorf und den Kreis Mettmann übertragen haben, bei der IT-Kooperation bei der IT-Kooperation Rheinland oder der Regiobahn von Wuppertal nach Krefeld. Und natürlich bei den Neuss-Düsseldorfer Häfen, bei denen auch Krefeld und Köln kooperieren. Ich kann den Vorwurf mancher Kommunen, Düsseldorf sei arrogant, nicht nachvollziehen. Der Stadt geht es finanziell sehr gut. Das beruht aber auch auf einer guten Politik der vergangenen Jahre. Die Kreise Neuss und Mettmann sehe ich als Klammern von Düsseldorf.

Wie sieht es mit dem Anwerben und Halten von Unternehmen in der Region aus? Kann man da zusammenarbeiten, obwohl die Gewerbesteuer Haupteinnahmequelle der Kommunen ist - sie also konkurrieren?

Petrauschke Natürlich geht das. Das erste Ziel muss sein, Unternehmen, die sich mit Abwanderungsgedanken tragen, in der Region zu halten und dann denen, die sich ansiedeln wollen, ein passgenaues Angebot in der Region zu machen.

Link Der Flughafen ist zum Beispiel nicht nur für Düsseldorf ein wichtiger Standortfaktor, auch für Duisburg. Wir haben zehn Hektar miteinander vermarktet. Die Zugverbindung von Chongqing nach Duisburg ist wichtig für den gesamten Standort NRW. Duisburg als alleiniger Logistik-Standort ist aus Sicht der Chinesen viel zu klein gedacht. Deswegen macht regionale Zusammenarbeit auch nach außen Sinn.

Petrauschke Wie gut das in der Region funktionieren kann, hat die vom damaligen Düsseldorfer OB Joachim Erwin initiierte Olympia-Bewerbung gezeigt. Im Alltag verliert sich aber vieles im Klein-Klein.

Link Auch das Kulturhauptstadtjahr 2010 mit Essen und Duisburg als Anker hat gezeigt, wie gut regionale Kooperation funktionieren kann.

Warum klappt so etwas nicht öfter?

Link Es geht. Man muss mit solchen erfolgreichen Beispielen anfangen und dann größere Räder drehen. Leider scheitert, was auf dem Papier super ist, oft an Kleinigkeiten.

Petrauschke Noch mal das Beispiel der IT-Kooperation Rheinland. Die Ämter wehren sich gegen die Einführung der einheitlichen Software SAP und kämpfen somit gegen- statt miteinander. Dabei ist interkommunale Zusammenarbeit kein Selbstzweck, sondern eine Notwendigkeit.

DENISA RICHTERS UND UWE-JENS RUHNAU FÜHRTEN DAS INTERVIEW.

Quelle: RP
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