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Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten
Remarques Bestseller entstand hier

Duisburg. Im August 1917 wurde ein verwundeter 19-jähriger Soldat ins St. Vincenz-Hospital verlegt. Sein Name: Erich Remark, Von Harald Küst

Vor 100 Jahren tobte an der Westfront ein erbitterter Stellungskrieg. Die Propaganda lief auf Hochtouren. Plakate und Spendenaufrufe warben in Duisburg für die Abgabe von Schmuck ("Gold gab ich für Eisen") und riefen zur Zeichnung von Kriegsanleihen auf. Frauen, Kriegsgefangene, ausländische Arbeiter und Jugendliche nahmen den Platz der an die Front geschickten Facharbeiter ein. Mit dem Krieg war materielle Not in die Stadt eingezogen. Lebensmittelkarten, Kohlebezugsscheine, Petroleumkarten, Kriegsküchen, Preistreiberei und Schwarzmarkthandel bestimmten zunehmend den Alltag und führten zur Kriegsmüdigkeit. Immer mehr Kriegsbeschädigte sah man im Straßenbild. Von der anfänglichen Euphorie war nichts mehr zu spüren. An der Front wurde weiter gestorben.

In Duisburg wurde im August 1917 ein 19-jähriger Soldat ins St. Vincenz eingeliefert. Sein Name: Erich Remark. Am 31. Juli 1917 war er am ersten Tag des britischen Großangriffs in Flandern durch Granatsplitter verwundet worden. Eine Fügung des Schicksals. Seine Zeit an der Front war vorbei. Das katholische St. Vincenz-Krankenhaus am Dellplatz nahm im Verlauf des Krieges zunehmend verletzte Soldaten von der Westfront auf. Remarks Verwundungen durch Granatsplitter an einem Arm und einem Bein waren glücklicherweise nicht lebensgefährlich, aber sein Aufenthalt im St. Vincenz zog sich hin: "Mit meinen Wunden wird es wohl noch etwas dauern, sie heilen schlecht. Das weißt du noch nicht: Ich hatte auch einen Halsschuss", schrieb er einem Kameraden.

Der später unter dem Namen Erich Maria Remarque publizierende Autor (1898-1970) nutzte die Genesungszeit und begann seine Kriegserfahrungen und die Eindrücke, die er in Gesprächen im St. Vincenz Hospital mit Verletzten erlangte, zu verarbeiten. Seine Erinnerungen an den Duisburger Aufenthalt flossen in seinen 1928 veröffentlichten Welterfolg "Im Westen nichts Neues" ein. Eindringlich ging er auf das Leiden und Grauen ein: "Erst das Lazarett zeigt, was Krieg ist."

Die schweren Verletzungen stellten die Mediziner in den Feldlazaretten sowie in den Krankenanstalten vor eine kaum lösbare Aufgabe. Die Kriegserfahrungen mit tagelangen Trommelfeuer und der allgegenwärtigen Hölle des anonymen Massensterbens führten zu einem Krankheitsbild, das von Militärärzten als "Granat- oder Nervenschock" oder umgangssprachlich als "Kriegszittern" bezeichnet und mit fragwürdigen Methoden behandelt wurde.

4541 Duisburger kehrten bis 1918 körperlich geschädigt und traumatisiert aus dem Krieg zurück. Durch sogenannte Rehabilitationsmaßnahmen sollten die desaströsen Folgen des Krieges abgemildert werden. In Verwundetenschulen wurden Kriegsversehrte auf ihre berufliche Wiedereingliederung vorbereitet und in Linksschreibekursen oder im Gebrauch von Prothesen unterrichtet. "Kriegskrüppel" waren an der Heimatfront allgegenwärtig. Heute verblasst die Erinnerung an den Ersten Weltkrieg. Ein altes Foto des Reservelazaretts des St. Vincenz-Krankenhauses kann man noch im Stadtarchiv finden. Die Spurensuche auf dem Kaiserberg Ehrenfriedhof zeigt, dass die meisten Gefallenen zwischen 18 und 24 Jahre alt waren. Insgesamt zählte Duisburg etwa 5700 Gefallene. Eine Bilanz des Schreckens, ausgelöst durch eine "schlafwandlerische Politik der europäischen Mächte", so der Historiker Christopher Clark.

Remarques Buch gilt als der bekannteste Antikriegsroman über den Ersten Weltkrieg und wurde ein Filmklassiker. Erzählt wird von vier Freiwilligen, die von der Schulbank in den Krieg ziehen. Remarque schildert die Gräuel der Front, berichtet von den Traumata der Soldaten, der Verführungskraft falscher Heldenmythen und der Militärpropaganda. Das Buch polarisierte in der Weimarer Republik. Zur Berliner Premiere des Films "Im Westen nichts Neues" (1930) erreichten die Nazis den Abbruch der Vorführung. Nach der Machtergreifung 1933 beschlagnahmte die Geheime Staatspolizei das Buch.

Quelle: RP
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