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Angriff auf kleines Mädchen
Rottweiler-Prozess in Duisburg - Angeklagte weint zum Auftakt

Prozess nach Rottweiler-Angriff verschoben
Prozess nach Rottweiler-Angriff verschoben FOTO: Christoph Reichwein
Duisburg. Der Vater hatte noch versucht, seine Kinder vor dem beißwütigen Rottweiler "Pascha" zu schützen. Doch das Tier riss seiner kleinen Tochter fast die ganze Kopfhaut ab. Der Hund war nicht angeleint, eine 22-Jährige steht deshalb jetzt vor Gericht. Zum Prozessauftakt am Freitag weinte die Angeklagte. Von Carolin Skiba

Die Worte der 22-Jährigen sind so leise, dass man sie ihr fast nur von den Lippen ablesen kann. "Es tut mir so leid", flüstert die junge Frau und wischt sich die Tränen aus dem Gesicht. Auf der anderen Seite des Gerichtssaals sitzt die Mutter eines heute vierjährigen Mädchens.

Am 6. Juli im vergangenen Sommer war ihr Kind in Duisburg-Neuenkamp von einem Rottweiler angefallen worden. Fast die ganze Kopfhaut hatte das Tier dem Mädchen abgerissen. Die 22-Jährige hatte dem Hund keine Leine angelegt. Seit Freitag beschäftigt der folgenschwere Beißangriff das Duisburger Amtsgericht. Auch die 31 Jahre alte Besitzerin des Hundes steht vor Gericht.

Der Rottweiler "Pascha" lebt längst nicht mehr. Trotz zahlreicher Proteste von Tierschützern wurde er eingeschläfert. Seine Halterin Agnieszka G. und deren Bekannte Viktoria K. müssen sich nach wie vor vor Gericht verantworten. Um neun Uhr Freitagmorgen kamen alle Beteiligten vor dem Schöffengericht zusammen. Darunter auch die Eltern des heute vierjährigen Mädchens – sie traten als Nebenkläger auf. Inhalt der Hauptverhandlung war die Anhörung von zunächst zehn Zeugen. Weitere 17 folgen im Mai.

Das Verfahren richtet sich einerseits gegen die Halterin, der schwere Körperverletzung in einem Fall sowie vorsätzliche Körperverletzung in zwei weiteren Fällen zur Last gelegt werden. Ihrer Bekannten, Viktoria K., die "Pascha" zum Zeitpunkt des Vorfalls führte, wird fahrlässige Körperverletzung in drei Fällen vorgeworfen. Der Rottweiler hatte dem kleinen Mädchen mit den Zähnen ein 20 bis 25 Zentimeter großes Stück Kopfhaut abgerissen. Ein traumatisches Erlebnis für die Kleine, die nach wie vor mit den Folgen des Unfalls zu kämpfen habe, wie die Eltern nach der Verhandlung berichteten.

Das Kind klage zeitweise über Ohren- und Kopfschmerzen, man müsse abwarten, ob es Folgeschäden gebe, sagte der Vater des Mädchens. "Sie geht langsam wieder in den Kindergarten, aber sie wird dort  teilweise von den anderen Kindern gehänselt, weil sie gar keine Haare mehr auf dem Kopf hat", erzählt die Mutter. Ob sich dies noch mal ändere, werde man erst im Alter von etwa 16 Jahren feststellen können, hätten ihr die Ärzte gesagt. Nachts wache das Mädchen immer wieder mit Alpträumen auf und mache seit dem Unfall auch wieder in die Windel, obwohl dies vorher kein Thema mehr gewesen sei. "Ständig fragt sie, was mit ihr los ist, warum sie keine Haare hat", erzählt der Vater. Früher sei sie jeden Tag draußen zum spielen gewesen, heute traue sie sich kaum raus. "Uns allen macht momentan nichts mehr Spaß", sagt er. Dass nun erst noch 27 Zeugen vernommen werden sollen, bevor es zu einem Urteil kommt, versteht der Vater nicht. "Es ist doch offensichtlich, was für Beweise braucht man denn noch, außer meiner Tochter?", fragt er.

Angespannte Stimmung im Saal

Die Stimmung im Gerichtssaal war angespannt. Der Anwalt von Agnieszka G. stellte gleich zu Anfang klar, dass seine Mandantin sich nicht äußern werde. Die 30-jährige Polin, die nur über einen Dolmetscher kommunizierte, ließ aber mitteilen, wie leid es ihr täte und bat um Entschuldigung. Während der Anwalt von Viktoria K. schilderte, wie es dazu kam, dass seine Mandantin mit "Pascha" draußen unterwegs war, obwohl sie rechtlich keine Erlaubnis dazu hatte, richtete sie eine stille Entschuldigung an die Eltern des verletzten Mädchens. "Es tut mir leid", formte sie mit ihren Lippen und wischte sich immer wieder die herablaufenden Tränen von der Wange. "Diese Entschuldigungen kamen nicht von Herzen", sagte der Vater nach der Verhandlung.

Der Gemütszustand der Angeklagten Viktoria K. änderte sich im Laufe der Verhandlung. Mindestens fünf der angehörten Zeugen belasteten Viktoria K. schwer, indem sie angaben, die Angeklagte schon vor dem Vorfall mit dem Hund gesehen zu haben, andere waren sich nicht sicher. Sie selbst hatte behauptet, am Tag des Unfalls zum ersten Mal mit "Pascha" unterwegs gewesen zu sein. Die Angeklagte schüttelte nach jeder Anschuldigung den Kopf und setzte eine fassungslose Miene auf. Die Aussagen der Zeugen, die recht selbstbewusst auftraten und sich auch von der teils unwirschen Art der Anwälte nicht beeindrucken ließen, warfen kein gutes Bild auf den Rottweiler und seine Verantwortlichen. Stets sei der Hund ohne Leine und Maulkorb unterwegs gewesen, habe andere Hunde und Kinder angesprungen und sei insgesamt aggressiv aufgetreten. Alle Zeugen, die ein direktes Zusammentreffen mit "Pascha" hatten, gaben an, dass von dem Hund eine massive Bedrohung und Belästigung ausgegangen sei. Die Antwort derjenigen, die den Rottweiler spazieren geführt hatten, sei jedes Mal nur folgende gewesen: "Der tut nichts, der will nur spielen." Den Angeklagten droht eine Verurteilung wegen fahrlässiger Körperverletzung beziehungsweise schwerer Körperverletzung

Weiterer Angriff eines Rottweilers in Sachsen-Anhalt

Kurz vor Prozessbeginn hat der 31-Jährige von dem Beißangriff eines Rottweilers in Sachsen-Anhalt erfahren. Dort hat sich ein Hund in Hals und Kopf eines vierjährigen Mädchens verbissen. Das Kind schwebt in Lebensgefahr. "Als ich das gehört habe, kam alles wieder hoch", sagt Salcan. "Aber mir geht hier im Prozess nicht um Rache. Mir geht es nur darum, dass so etwas nie wieder passiert."

(lnw)
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