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Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten
Scharfrichter mit Meisterbrief

Duisburg. Ein Kapitel aus dem dunklen Mittelalter: Viele Henker mussten sich vorher Mut antrinken, um der exponierten Situation gewachsen zu sein. Die Duisburger Stadtrechnungen belegen den hohen Weinkonsum. Von Harald Küst

Der mittelalterlichen Rechtspflege ging es um Sühne und Abschreckung. Resozialisierung war im Mittelalter ein gänzlich unbekannter Begriff. In Duisburg gab es außerhalb der Stadtmauern mehrere Hinrichtungsstätten. Eine davon befand sich nahe am Dickelsbach im "kleinen Hochfeld" und eine weitere Richtstätte befand sich dort, wo die heutige Werthauser Straße auf den Rhein stößt.

Von "Glück" konnten noch jene reden, die geköpft wurden. Die Enthauptung galt im Mittelalter als besonders ehrenhaft und kam ursprünglich beim Totschlag zum Einsatz. Räuber und Diebe hingegen erwartete meist der langsamere und qualvollere Tod am Galgen, der - wie das Verbrechen selbst - als unehrenhaft empfunden wurde. Besonders schlechte Karten hatten jene Verbrecher, die "gerädert" wurden. Mördern wurden mit dem Rad erst einmal die Gliedmaßen zerschmettert, bevor sie schwer verletzt bei vollem Bewusstsein auf das Rad gebunden wurden. Das Rädern war eine der grausamsten und zugleich ehrlosesten Strafen.

Dies alles regelte der Strafrechtskatalog der Constitutio Criminalis Carolina, der Peinlichen Gerichtsordnung Kaiser Karl V. von 1532. Die übliche Hinrichtungsmethode bei Frauen war das Ertränken, das sie beispielsweise als Strafe für Hexerei erwartete. So reiste ein Scharfrichter im Oktober 1561 aus Kleve an, um die Hexe Agnes Muisfeltz peinlich (d.h. mit Folter) zu verhören. Möglicherweise gehörte sie zu den wenigen Verurteilten, die die "Wasserprobe" überstanden. Aber auch das Lebendig begraben gehörte zu den widerwärtigen Hinrichtungsmethoden. Wenn die Verurteilte einen Scharfrichter fand, der Erbarmen zeigte, wurde sie erdrosselt. So erging es der unter Folter geständigen Duisburger Kindsmörderin Grietgen von Nottelen am 2. Juni 1565. Das Erdrosseln war zweifellos ein Gnadenakt.

Die Gerichtshoheit über Leib und Leben lag bei der Stadt. Den zur Vollstreckung der Urteile erforderlichen Scharfrichter mit Meisterbrief forderte man aus den Nachbarstädten an. Das amtliche Scharfrichterexamen sollte stümperhaftes Enthaupten verhindern. Viele Henker mussten sich vorher Mut antrinken, um der exponierten Situation gewachsen zu sein. Die Duisburger Stadtrechnungen belegen den hohen Weinkonsum. Die Henker erhielten von der Stadt Lohn und wurden für jede Hinrichtung oder peinliche Befragung extra bezahlt. "Ab dem Jahr 1530 heuerte die Stadt Duisburg mehrfach einen Scharfrichter an, dessen schaurige Gebührenrechnung für Augenausstechen, Zwicken mit glühenden Zangen usw. noch erhalten ist", schreibt der ehemalige Stadtarchivar Milz.

Für das Jahr 1564 ist die Hinrichtung von mehreren Personen in den Stadtrechnungen überliefert. Dem Beruf des Scharfrichters fehlte die gesellschaftliche Ehrbarkeit, zumal er häufig auch "unreine" Dienstleistungen als Abdecker übernehmen musste, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Einige Scharfrichter konnten dagegen auf anderem Wege Ansehen und Ehre gewinnen, nämlich durch eine Heiltätigkeit als Chirurg.

Das hatte gute Gründe. Der Scharfrichter besaß detaillierte anatomische Kenntnisse, konnte gebrochene Knochen richten, Gelenke einrenken, Wunden verbinden und vermutlich zur Ader lassen. Das wussten auch die Stadtoberen. So bezahlte die Stadt Duisburg einen Scharfrichter, um "die Armen zu curiren int Gasthuis", stellt Stadtarchivar Milz fest.

Die Scharfrichter erfreuten sich eines regen Patientenzulaufs - schließlich waren sie im Gegensatz zu echten Chirurgen auch für arme Leute bezahlbar. Erst im Jahr 1732 wurde in Preußen die Heiltätigkeit der Scharfrichter untersagt, aber noch 1781 beschwerten sich die in Duisburg tätigen Chirurgen darüber, dass der dortige Scharfrichter allerlei chirurgische Tätigkeiten verrichte.

Da geht man doch heute deutlich entspannter zum Arzt...

Quelle: Milz, Joseph, Geschichte der Stadt Duisburg, 2013

Quelle: RP
 
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