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Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten
Seife: Wiege der chemischen Industrie

Rp-Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten: Seife: Wiege der chemischen Industrie
"Der Seifensieder" heißt dieses Gemälde von Ambrosius Gabler (1762-1834). Das Werk ist im Besitz der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. FOTO: skd
Duisburg. Seifen wurden in Duisburg bereits seit 1762 hergestellt. Mit der Gründung der Schoenenberg`sche Seifensiederei wurde die Seife für die Duisburger zum Hygiene- und Gebrauchsartikel. Johann Gerhard Böninger wurde ein Konkurrent. Von Harald Küst

Auf dem Marina-Markt finden sich Stände mit vielfältigen Seifenprodukten. Man taucht in eine Welt der Düfte: Minze, Rosengeranie, Lemongras, Orange und Lavendel. Die Düfte wirken besonders auf Frauen anziehend. Wenn Seifenmacher an die Arbeit gehen, verwenden sie eine - oft geheime - Rezeptur aus Rapsöl, Olivenöl und Milch. Ätherische Öle verleihen dem Produkt eine einzigartige Duftkomponente.

Das war früher ganz anders: Als Rohmaterial dienten Öl und Tran aus Holland und Pottasche (Kaliumcarbonat) aus dem Sauerland. Die Rohmaterialien werden mit einer Lauge verkocht, wobei Seifenleim entstand. Von Duft konnte bei diesen Zutaten eher nicht die Rede sein. Der Gestank bei der Produktion der sogenannten "holländischen grünen Seife" war erheblich. Gut nachvollziehbar, dass die Nachbarschaft einer Seifensiederei in 18. Jahrhundert nicht allzu beliebt war.

Seifen wurden in Duisburg bereits seit 1762 hergestellt. Mit der Gründung der Schoenenberg`sche Seifensiederei wurde die Seife für die Duisburger zum Hygiene- und Gebrauchsartikel. Der Betrieb kann als Wiege der chemischen Industrie in Duisburg gelten, für die heute das Unternehmen Sachtleben steht, und spiegelt unternehmerisches Handeln in vorindustrieller Zeit wider. Der Mülheimer Arzt und Gründer Dr. Jacob Theodor Schoenenberg baute das Unternehmen beständig zum Marktführer aus. Im Betrieb an der Niederstraße, Ecke Flachsmarkt waren damals 14 Personen mit der Produktion beschäftigt. Als Rohmaterial dienten Öl und Tran aus Holland und Pottasche aus dem Sauerland. Der Betrieb florierte und der Umsatz stieg schnell auf 20.000 Reichstaler pro Jahr. Der Unternehmer Schoenenberg erkannte frühzeitig die Erfolgsfaktoren: Produktqualität, Außendarstellung des Unternehmens und ein Verkaufskonzept. Dies belegt ein Artikel im "Duisburger Intelligenzzettel" vom 25.10.1763. Hier beschreibt er die "Eigenschaften und Kennzeichen einer guten und einer schlechten Holländischen grünen Seife". Die Seife der unliebsamen Konkurrenz aus Holland, die unverzollt verkauft wurde, war Schoenenberg immer ein Dorn im Auge. Mit Beschwerdeschreiben an den Duisburger Magistrat wandte er sich gegen den wettbewerbsverzerrenden Schmuggel über die holländische Grenze.

Den Erfolg des Unternehmers beobachtete Johann Gerhard Böninger aufmerksam. Er sah den wachsenden Seifenabsatz und beschloss sein Tabakunternehmen zu "diversifizieren", d.h. er wollte seine Produktpalette um die Seifenproduktion erweitern. Gerhard Böninger forcierte seine hartnäckigen Bemühungen eine weitere Seifensiederei zu gründen. Aber die Hürden waren gewaltig. Sein Konkurrent hatte sich nämlich vom Duisburger Magistrat frühzeitig Privilegien bestätigen lassen. Ein kluger Schachzug: So durften zehn Jahre keine anderen Seifensiedereien in Duisburg angelegt werden.

Erst 1778 erhielt Böninger daher die Genehmigung zur Errichtung einer Seifensiederei in Duisburg auf der Venusgasse in der Altstadt. Allerdings mit der Auflage, auf den Verkauf seiner Seife in Kleve und Mark zu verzichten.

Theodor Schoenenberg musste sich fortwährend der Konkurrenz aus Holland und der Böningers erwehren. Das gelang ihm auch erfolgreich. 1820 musste der Konkurrent Böninger sein Prestigeobjekt Seifensiederei wegen fehlender Rentabilität aufgeben.

Aber auch die Schoenenberg-Erben bekamen in den folgenden Jahrzehnten die wachsende industrielle Konkurrenz zu spüren. Man erweiterte die Produktpalette auf Stearinkerzen und handelte mit Fetten. Dem Betrieb am Flachsmarkt gelang es bis 1876 die Produktion aufrecht zu erhalten. Dann musste der Betrieb, nach 114-jährigem Bestehen, schließen.

Im 19. Jahrhundert gelang es den Chemikern Natronlauge herzustellen. Damit war der Weg für die industrielle Seifensiederei geebnet. Wenn man so will, bildete die Seifensiederei die Grundlage der chemischen Industrie in Duisburg. Schritt für Schritt wurde die Seifenherstellung verbessert. Zusätze wie Zitronengras sollten den abstoßenden Geruch der Seife mit frischem Duft übertönen. Weitere Verbesserungen der Qualität folgten. Die angenehmeren Seifen aus pflanzlichen Ölen erfreuten sich bald immer größerer Beliebtheit.

Heute gehören zur Seifenherstellung drei Schritte: Es beginnt mit der Verseifung, wobei verschiedene Öle und Fette reagieren und Grundseife entsteht sowie eine Mischung aus Glyzerin und Wasser. Die Seifenhersteller setzen computergesteuerte Verseifungsanlagen ein. Modernste Verfahrenstechnik. Der zweite Schritt ist das Trocknen in Vakuumtrocknern. Im dritten Schritt werden die Duft-und Farbstoffe zugesetzt. Schließlich werden die Seifenstücke auf einer Stanze in die endgültige Form gepresst.

Der Handwerksberuf des Seifensieders ist weitgehend von der Bildfläche verschwunden. Aber Totgesagte leben länger. Selbstgemachte Seife liegt wieder im Trend. Heute gibt es viele kleine Seifenmanufakturen, die eine Marktnische entdeckt haben und handgemachte Seifen auf den Märkten anbieten. Der Schlüssel für den Erfolg liegt in der Produktqualität und im Marketing - das hat sich seit Schoenenberg nicht geändert.

Quelle: Die Wiege der Duisburger chemischen Industrie, P.B. Wolfgang Teuber, Duisburger Heimatkalender 1966

Quelle: RP
 
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