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Duisburg
Shakespeare und die Horrorclowns

Duisburg. Zum Abschluss und als ein Höhepunkt des Theatertreffens der 39. Duisburger Akzente "Nie wieder Krieg?" brachte das Hamburger Thalia-Theater das Königsdrama "Richard III." von William Shakespeare, übersetzt von Thomas Brasch. Von Ingo Hoddick

Das war ein ungewöhnlicher Schauspielabend im gut gefüllten Theater. Zuerst machte der Thalia-Dramaturg Matthias Günther die Einführung im Opernfoyer zu einer rasanten Kabarett-Nummer, nach dem Motto: "In diesem Stück wird ein gefährlicher Soziopath zum Führer der mächtigsten Nation. Richard Drei twittert ohne Handy!" Kurz vor Beginn der Vorstellung besetzte ein "Linkes Zentrum Oberhausen" die Bühne, skandierte "Nie wieder Krieg!" und protestierte gegen den türkischen Angriff auf die nordsyrische Kurdenenklave Afrin "mit deutschen Waffen". Der größere Teil des Publikums applaudierte, ein kleinerer rief "Aufhören!"

Aber zum Stück, in dem Shakespeare vor 425 Jahren den zeitlos gnadenlosen Kampf um die Macht vorführte. Wie immer in seinen Königsdramen werden die Vorgänger und Nebenbuhler beseitigt, bis man selbst das nächste Opfer wird. Dieser Richard ist ein ganz besonderer Antiheld, denn als Frühgeburt aus dem Mutterleib verstoßen, hinkt er mit verkrümmter Wirbelsäule durch die Welt. Ein schurkischer Politdarsteller zwischen Sein und Schein, verfolgt er seine Pläne virtuos, macht selbst sein Publikum zum Komplizen. Auch wenn der Hauptdarsteller hier gelbe Haare hat, wäre es doch zu harmlos, die Titelfigur mit dem aktuellen amerikanischen Präsidenten (oder dem ähnlich aussehenden britischen Außenminister) gleichzusetzen, da denkt man eher an Gewaltherrscher wie Hitler und Stalin. Der König aller Wortverdreher kann nicht auf Dauer zu Lüge und Mord anstiften, in seiner letzten Schlacht ruft er bekanntlich "Ein Pferd, ein Königreich für ein Pferd!" Der Autor, sein Übersetzer (oder vielmehr Nachdichter) Thomas Brasch und nicht zuletzt der Thalia-Regisseur Antú Romero Nunes halten die Waage zwischen blutiger Tragödie und albernem Kabarett.

Die Inszenierung ist gewagt darin, ihren intensiv stimmungsvollen Momenten solche der Parodie entgegen zu setzen, etwa wenn Theatertricks wie die zurückfahrende Messerklinge oder die "Ohrfeige" mit Händeklatschen genüsslich als solche vorgeführt werden. Das Konzept geht aber letztlich auf, da Richard III. noch als Massenmörder im Grunde so lächerlich ist, dass man ihn kaum ernst nehmen kann. So wird das etwas unübersichtliche Stück wieder verständlich.

Das ist auch ein Verdienst der acht Darsteller, die sich die nicht weniger als 20 Rollen teilen. Allen voran natürlich Jörg Pohl als faszinierende Nervensäge Richard, der um jeden Preis König sein und bleiben will, infantil quengelnd und gnadenlos kalkulierend, der am Ende gar nicht glauben kann, dass sein machtgeiles Spiel zu Ende sein soll, noch im Todeskampf tänzelnd. Die anderen sind aber weit mehr als nur Stichwortgeber, gerade weil sie hier mehrere unterschiedliche Rollen verkörpern müssen - zum Beispiel Lisa Hagmeister als Edward, minderjähriger Prinz von Wales (den Richard III. mit seinem Bruder Richard, Prinz von York, im Tower ermorden ließ), düstere Prophezeiungen verbreitende Königin Margaret und Lady Anne, die den Verführungskünsten desjenigen erliegt, der soeben ihren Mann ermordet hat.

Die Zuschauer waren gebannt und spendeten warmen Beifall.

Quelle: RP
 
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