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Gedenken an Loveparade-Tragödie in Duisburg
So kam es zur Katastrophe
Tausend Kerzen für die Loveparade-Opfer
Tausend Kerzen für die Loveparade-Opfer FOTO: dpa, Martin Gerten
Duisburg. Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zur Loveparade ergeben das Bild einer Ursachen-Kette aus Planungs-Versagen, Leichtsinn und Fehlentscheidungen. Die Anklage muss darlegen, wen von den 17 Beschuldigten welche individuelle Schuld trifft. Von Ulli Tückmantel

Der letzte in der langen Reihe der Beschuldigten, der die tödliche Massenpanik am Fuß der Rampe zwischen den Tunneln an der Karl-Lehr-Straße noch hätte abwenden können, war nach den Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft Duisburg der Leitende Polizeidirektor Kuno S., am 24. Juli 2010 verantwortlicher Polizeiführer bei der Loveparade.

Er hätte, so das Ermittlungsergebnis, die Massenpanik durch unterstützende Maßnahmen verhindern können. Doch das tat Kuno S. nicht. Er schickte im Laufe des Nachmittags keine weiteren Bereitschaftspolizisten aus der Reserve nach vorne. Dann nahm die Katastrophe ihren Lauf.

Nach Auffassung der Staatsanwaltschaft hätte Kuno S. aber wissen können und müssen, dass er dringend hätte Verstärkung zur Karl-Lehr-Straße schicken müssen. Die Frage, die die Staatsanwaltschaft so beantworten muss, dass die Antwort vor Gericht standhält, ist: Wie ist dieses von ihr als pflichtwidrig eingestufte Verhalten strafrechtlich zu bewerten?

Kuno S. hat die Loveparade nicht geplant. Als Polizeiführer war er – nach der Genehmigung der Veranstaltung durch die Stadt – nicht einmal verpflichtet, das Sicherheitskonzept der Loveparade weiter zu prüfen, meinen die Staatsanwälte. Ist sein Handeln so zu bewerten, dass es zweifelsfrei den Tatbestand der fahrlässigen Tötung und Körperverletzung erfüllt?

In zweijähriger Ermittlungsarbeit setzten die Polizisten der Kölner Sonderkommission ein Puzzle des Versagens in nahezu allen Planungsphasen, des kriminellen Leichtsinns, einer Kette von Fehlentscheidungen und der massiven Arbeitsverweigerung zusammen. Zur Katastrophe führte erst das Zusammenspiel der Teile, was die vergleichsweise hohe Zahl von 17 Beschuldigten erklärt. Für einen Strafprozess ist es jedoch nicht ausreichend, ein kollektives Organisationsversagen nachzuweisen, was ein Leichtes wäre: Addierte man all die organisatorischen Mängel, die Phantasie-Annahmen und das teils naive Wunschdenken der an Planung und Durchführung Beteiligten zusammen, so käme man unweigerlich zu dem Ergebnis, ergibt sich das Bild eines Glücksspiels mit Menschenleben.

Aufgabe der Staatsanwaltschaft ist jedoch die Beweiserbringung der jeweils individuellen Schuld. Das erklärt, warum weder der Veranstalter Rainer Schaller noch der damalige Oberbürgermeister Adolf Sauerland und der damalige Vertreter des Polizeipräsidenten zu den Beschuldigten gehören, dagegen aber beispielsweise Schallers "Crowd-Manager", die beiden städtischen Bau- und Ordnungs-Dezerneten, die Amtsleiter für Ordung und Bauordnung, ihre Mitarbeiter und der verantwortliche Polizeiführer.

Sowohl laut der veröffentlichten städtischen Unterlagen wie auch nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft, versuchte das Planungs- und Baudezernat vom damaligen Dezernenten bis hinunter in die Mitarbeiterebene mehrfach die Verantwortung für die Genehmigung und die Kontrolle der Genehmigungsauflagen von sich wegzuschieben. Aus den Ermittlungsakten geht hervor, dass die Mitarbeiter des Dezernates am Tag der Loveparade möglichst nicht auf dem Veranstaltungsgelände anwesend sein wollten. Begründung: Sie hätten dann mögliche Verstöße gegen ihre eigenen Genehmigungsauflagen feststellen können – und reagieren müssen.

Genau dies aber wollten die Mitarbeiter vermeiden, wie aus internen Schriftwechseln hervorgeht. Es gelang ihnen laut der Ermittlungsergebnisse, die die Staatsanwaltschaft schon vor einem Jahr in einem Bericht festhielt, mit dem Leiter des Ordnungsamts die Vereinbarung zu treffen, dass dieser am Morgen des 24. Juli die Einhaltung der Auflagen überprüfen sollte. Doch laut der Ermittlung tat er es weder selbst noch veranlasste er, dass ein Mitarbeiter es tat. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft ist dies klar zu bewerten: Wenn er die verabredeten Überprüfungen durchgeführt hätte oder hätte durchführen lassen, dann hätte er auch die Verstörße gegen die Genehmigungsauflagen erkannt. Entsprechend hätte er den Start der Loveparade verschieben oder die ganze Durchführung bis zur Beseitigung der Verstöße verschieben müssen.

Und dann wäre es, so die Staatsanwaltschaft, zu den Toten und Verletzten nicht gekommen. Was der Leiter des Ordnungsamts nicht prüfte, hatten auch die Mitarbeiter des Bauordnungsamts am Vorabend nicht geprüft. Aus den Vernehmungen der Kölner Sonderkommission geht hervor, dass eine vollständige Abnahme des Geländes überhaupt nicht stattgefunden hat, weder am 23. noch am 24. Juli. Ein Mitarbeiter der Verwaltung wird in den Vernehmungsprotokollen mit der Aussage zitiert, der Veranstalter habe auch zuvor alle an ihn gestellten Auflagen erfüllt, daher habe man das am Abend vor der Loveparade nicht prüfen müssen.

Dass die Katastrophe weit vor dem 24. Juli regelrecht herbeigeplant wurde, deutet auf Vorgänge unter den Beteiligten hin, die der amerikanische Psychologe Irving Janis als "Groupthink" (deutsch: Gruppendenken) bezeichnet: In diesem Denkmodus kann das Streben nach Einmütigkeit oder auf ein gemeinsames Ziel hin so bestimmend werden, dass die einzelnen Gruppen-Mitglieder dazu tendieren, auf realistische Einschätzungen von Chancen, Risiken und Alternativen zu verzichten. Nur so wird verständlich, warum ein Sicherheitskonzept mit nur einem einzigen Auf- und Abgang zum Veranstaltungsgelände nicht sofort verworfen oder mindestens in Zweifel gezogen wurde. Als Beispiele für auf "Groupthink" basierende Fiaskos und Katastrophen gelten der Absturz des Space-Shuttles "Challenger" 1986 (Start-Entscheidung trotz präziser Warnungen) ebenso wie das Desaster der Schweinebucht-Invasion auf Kuba 1961 (falsche CIA-Einschätzung der Stimmung in der kubanischen Bevölkerung).

Es ist typisch für einen "Groupthink"-Prozess, dass die Beteiligten sich selbst bei der Vereinbarung von offenkundigen Absurditäten nicht so sehr unter Druck gesetzt fühlen, dass sie aus dem gemeinsamen Konsens ausscheren würden. Die Loveparade-Ermittlungen – soweit sie bekannt sind – erbrachten keine Belege, dass die verantwortlichen Mitarbeiter irgendeinen der kritischen Konzept-Punkte konsequent moniert hätten. Dass es im sensiblen Bereich vor dem Aufgang an der Rampe keinerlei Ausweichflächen gab, wurde akzeptiert.

Dass der Platz auf der Rampe für 145 000 Besucher in der Spitze schon rechnerisch nicht ausreichen konnte, wurde akzeptiert. Der Veranstalter Lopavent hatte die Zahlen der Stadt Duisburg in einem als vertraulich gekennzeichneten Schreiben mitgeteilt. Dass auf eine Zählung der Besucher dennoch verzichtet werden sollte, wurde akzeptiert. Dass damit feststand, dass es zu keinem Zeitpunkt verlässliche Daten über die tatsächliche Zahl der Besucher geben würde, wurde akzeptiert. Dass es damit weder den Ordnern noch der Polizei möglich war, rechtzeitig auf drohende Zusammendrängungen zu reagieren, wurde akzeptiert.

Bereits in ihrem Zwischenbericht bekundeten die Ermittler im vergangenen Jahr ihr Staunen, wie kritiklos einfach angenommen worden sei, Besucher könnten auf dem Gelände durch eine "Floatparade" gesteuert werden. Es erscheine fragwürdig, so die Ermittler, wie ein Mitziehen der Besucher überhaupt als auch nur naheliegend habe angenommen werden können. Laut der Ermittlungsergebnisse war das Wegweiser- und Orientierungssystem einschließlich der fehlenden Lautsprecher für Durchsagen so lückenhaft oder gar nicht erst vorhanden, dass nicht nur viele Besucher über das Veranstaltungsgelände und in den Ein- und Ausgangsbereichen umherirrten, sondern auch etliche der eingesetzten Ordner die Orientierung verloren hätten.

Was die Ermittler zusammentrugen, bestätigte sie in der Schlussfolgerung, dass die Nutzungsänderungsgenehmigung für die Karl-Lehr-Straße von der Stadt nicht hätte erteilt werden dürfen, und dass die gesamte durch das Duisburger Bauordnungsamtes ausgestellte Genehmigung der Veranstaltung materiell rechtswidrig war. Die Staatsanwaltschaft muss nun die Frage beantworten, ob die Ermittlungsergebnisse ausreichen, um die 17 Beschuldigten anzuklagen.

Quelle: RP/jco/top/rm/jre
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