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Duisburg
Störenfried im Biedermeier

Duisburg: Störenfried im Biedermeier
Thorsten Grümbel, in Wirklichkeit ein schlanker Mann, gibt mit künstlichem Theaterbauch einen großartigen Falstaff. Hervorragend auch Heidi Elisabeth Meier als Frau Fluth. FOTO: hans-Jörg michel (dor)
Duisburg. Die Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg übernahm ihre zumindest musikalisch umwerfende Produktion der Shakespeare-Oper "Die lustigen Weiber von Windsor" von Otto Nicolai in ihr Duisburger Haus. Von Ingo Hoddick

"Die lustigen Weiber von Windsor", uraufgeführt 1849 in Berlin, ist eine "komisch-fantastische Oper" in drei Akten nach dem gleichnamigen Lustspiel des vor 400 Jahren gestorbenen William Shakespeare von dem in Duisburgs ostpreußischer Patenstadt Königsberg geborenen Otto Nicolai (1810-1849). Der ebenso verarmte wie verfressene Sir John Falstaff schreibt Frau Fluth und Frau Reich den gleichen Liebesbrief. Das kommt den beiden in ihren Ehen mäßig glücklichen Damen gerade recht: Sie wissen sich zu helfen und erteilen nicht nur Falstaff, sondern auch Frau Fluths eifersüchtigem Ehemann eine Lektion. In der Jagd auf den Außenseiter finden nicht nur die beiden Paare wieder zusammen, sondern auch die gesamte Kleinstadt. Der Störenfried verkörpert all das, was die Kleinbürger zu verdrängen versuchen: Genusssucht bis zur Völlerei, Lebenslust und maßlose Sexualität. Wie in jeder gelungenen komischen Oper zitiert Nicolai in seiner mit allen kompositorischen Wassern gewaschenen Partitur mit wohlwollender Ironie die damals zeitgenössischen Musikstile: von Carl Maria von Webers "Der Freischütz" (1821) und "Oberon" (1826) über Felix Mendelssohns "Ein Sommernachtstraum" (1826/42) bis zu Richard Wagners "Der fliegende Holländer" (1843).

Dietrich W. Hilsdorf löste hier das Problem, wie man heute eine deutsche Spieloper inszenieren kann, indem er hinter die biedermeierliche Fassade schaute, aber auch der Spielfreude freien Lauf ließ. Sein Ziel war es wohl, das Stück zur Kenntlichkeit zu verfremden. Zum Beispiel wenn Frau Fluth entrüstet behauptet "Ich, Sekt? Ich trinke nie!", und hier zugleich eben dies ausgiebig tut. Einige von Hilsdorfs Manipulationen erscheinen etwas gewöhnungsbedürftig, etwa wenn Falstaff im zweiten Akt nicht wie im Original im Gasthaus "Zum Hosenband" haust, sondern in jener Waldkapelle, die später im Text erwähnt wird, dort gibt es auch eine recht offenherzige "Dame", die barbusig aus dem Beichtstuhl kommt. Als Orchester-Vorspiele zum zweiten und dritten Akt, die Nicolai nie komponierte, werden hier Fragmente aus der beliebten Ouvertüre verwendet.

Unbedingt erlebt haben muss man diesen mehr als dreistündigen Abend wegen seiner musikalischen Seite. Die Solisten sind großartig, allen voran Thorsten Grümbel, der als schlanker Mensch mit künstlichem Theater-Bauch in die Rolle des Dickwansts hineinwächst, die er stimmlich längst stemmt. Glaubhaft wird hier seine eigene Aussage über sein Vorbild in dieser Rolle, nämlich den nicht nur in Duisburg unvergessenen Karl Ridderbusch. Umwerfend, eben wie perlender Sekt, sind Heidi Elisabeth Meier und Katarzyna Kuncio als die "lustigen Weiber" Frau Fluth und Frau Reich. Vorzüglich auch die "alten Hasen" Stefan Heidemann und Sami Luttinen als Ehemänner sowie Anna Princeva und Jussi Myllys als "junges Gemüse" Anna und Fenton, das den großen Aufruhr im kleinen Städtchen Windsor zur unbemerkten Eheschließung nutzt - und Peter Nikolaus Kante als Küster mit Operetten-Sprüchen wie "Trauring, aber wahr". Am Pult der Duisburger Philharmoniker lässt Rheinopern-GMD Axel Kober die heitere Frische und freche Düsternis dieser Oper kongenial herüberkommen.

Weitere Aufführungen am 15., 17. und 26. November, jeweils um 19.30 Uhr. Info unter der Telefon-Nummer 0203 / 283 62 100.

Quelle: RP
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