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Duisburg
Thea Dorn: Unsterblichkeit macht unglückselig

Duisburg. Was würden Sie tun, wenn Ihnen jemand sagt, seine Kollegen wären Goethe und Schiller und seine Geliebte sei vor der Französischen Revolution geflohen? Das passiert in dem Roman "Die Unglückseligen", aus dem die 1970 geborene Autorin Thea Dorn jetzt für den Verein für Literatur in der Zentralbibliothek las. Die Molekularbiologin Johanna Mawet forscht an Zebrafischen zur Unsterblichkeit von Zellen. Während eines Forschungsaufenthaltes in den USA gabelt sie einen merkwürdigen, alterslosen Herrn auf. Von Ingo Hoddick

Je näher sie ihn kennen lernt, desto abstrusere Erfahrungen macht sie mit ihm. Schließlich gibt er sein Geheimnis preis. Er sei der Universalgelehrte Johann Wilhelm Ritter, geboren 1776.

Den hat es wirklich gegeben, er erfand die Batterie und entdeckte die UV-Strahlung. Für Goethe war er "ein wahrer Wissenshimmel auf Erden", er wurde aber immer esoterischer und starb 1810 mit gerade einmal 33 Jahren. Herrlich, wie er im Roman seine Identität mit dem enthüllt, was der romantische Dichter Novalis über ihn sagte: "Ritter ist Ritter, wir anderen sind nur Knappen."

Thea Dorn zielte hier auf nichts weniger als einen modernen Faust-Roman. Dem "Schwarzkünstler" Ritter stellte sie die streng rationale Johanna an die Seite - in der heutigen Wissenschaft wird ja tatsächlich an der Lebensverlängerung oder gar Unsterblichkeit geforscht. Das ist für die Autorin eine Horrorvorstellung, denn ohne einen Begriff vom Tod (zudem für die meisten Menschen inzwischen ohne den christlichen Trost vom ewigen Leben) werde es keine Kunst und überhaupt keine tieferen Gedanken mehr geben, sondern nur noch oberflächliches Freizeitvergnügen. Das Buch ist wunderbar sprachmächtig, und das nicht nur in jenen Passagen, die aus der Sicht Ritters geschrieben sind und deshalb etwas altertümeln.

Auch das komische Potenzial der Story wird dezent genutzt, etwa wenn die Formeln zur Teufelsbeschwörung aus dem Internet sich als hanebüchen erweisen und Ritter stattdessen "was Anständiges" empfiehlt, nämlich von dem Alchemisten Agrippa von Nettesheim aus dem 16. Jahrhundert.

Es ist ein reines Vergnügen, der eloquenten Autorin zu lauschen, die eigentlich Christiane Scherer heißt und sich ihren Künstlernamen nach dem Philosophen Theodor W. Adorno wählte. Nachdem sie den Prolog vorgelesen hatte, meinte sie: "Jetzt werden sich einige von Ihnen fragen: Was hat die Frau Dorn da geraucht in Berlin? Ich versichere Ihnen, es war alles legal, das war nämlich ein Zitat von Agrippa von Nettesheim."

Quelle: RP
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