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Duisburg
Theater trifft Journalismus

Duisburg: Theater trifft Journalismus
Andreas Beck als investigativer Journalist und Aufklärer. Der Schauspieler meistert das Einpersonenstück mit souveräner Bühnenpräsenz. FOTO: birgit hupfeld
Duisburg. Das Schauspiel Dortmund gastierte mit "Die schwarze Flotte" von Anne-Katrin Schulz, inszeniert von Kay Voges, im Stadttheater. Von Olaf Reifegerste

Eine journalistische Recherche als Theaterstück - geht das? Ja, das geht! Schon Schiller sah im Theater auch eine "moralische Anstalt". Das Schauspiel "Die schwarze Flotte" von Anne-Katrin Schulz in der Dortmunder Inszenierung von Kay Voges als Gastspiel in Duisburg ist klar politisches Theater - kein Agitproptheater, sondern Dokumentartheater.

Der Textkern von Schulz basiert nämlich auf einer journalistischen Recherche von "Correctiv", einem Reporter-Netzwerk mit Sitz in Essen, aus dem Jahre 2015. Daran beteiligt waren dort Cecilia Anesi, Frederik Richter, Giulio Rubino und David Schraven. Schulz hat nun um das aufgedeckte menschenverachtende Geschäft über den Transport von Menschen, Waffen und Drogen der sogenannten "Schwarzen Flotte" im Mittelmeer in den Jahren zwischen 2014 und 2015 geschickt den wissenschaftlichen Forschungsbericht vom Fossilienfund des "Australopithecus afarensis" von vor 3,6 Millionen Jahren dramaturgisch herumgebaut. Der Begriff vom "Australopithecus afarensis" bedeutet so viel wie "südlicher Affe aus Afar". Das 1974 dort entdeckte Teilskelett eines als weiblich interpretierten Fossils wurde nach dem Beatles-Song "Lucy in the Sky with Diamonds" benannt. "Lucys" Skelettaufbau zeigte Anpassungen an den "aufrechten Gang". Diese Haltung ist die wohl berühmteste Darstellung der Evolution des Menschen und wird zugleich als Zeichen der Autonomie und Freiheitsgesinnung gesehen. In diesem Wortzusammenhang wird "Lucy" in dem Stück eine Art moralische Instanz zugeschrieben, die in der Inszenierung stets sicht- und hörbar ist.

Die Uraufführung des Monodramas fand am 23. Oktober 2016 im Megastore vom Schauspiel Dortmund statt. Der Stoff liest sich, sezierend aufdeckend, wie ein Krimi und zeigt sich auf der Bühne ebenso spannungsvoll geladen. Das Bühnenbild mutet an wie die Studierstube aus Goethes "Faust" in Zeiten digital-galaktischer Cyberwelten. Zusätzlich bringt die Inszenierung mit Andreas Beck in der Reporterrolle großartiges Schauspielertheater hervor. Er, der Schauspieler, wird zum investigativen Journalisten, zum Ermittler und Aufklärer. Krieg als lohnendes Geschäft zu enttarnen, den Zusammenhang von Flucht und Kapitalismus aufzuzeigen, Namen der Verantwortlichen zu benennen - das will Theater wie Journalismus, das wollen Stück und Inszenierung ebenso wie die Recherche. Es geht um Fragen und Antworten, "weil alles mit allem zusammenhängt", wie mehrfach in der Aufführung gesagt wird.

Tief beeindruckt von der perfekten Wiedergabe einer immens großen Textmenge und Andreas Becks dabei bewundernswert souverän bleibender Bühnenpräsenz - nämlich allein auf der großen Duisburger Theaterbühne - geizte das hochkonzentriert mitgehende Publikum zu Recht nicht mit langanhaltendem Schlussapplaus. Gewiss galt dieser aber auch für Voges' gradlinige und straffe Regie und sein klug gebautes schnörkelloses Bühnenbild.

Quelle: RP
 
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