| 00.00 Uhr

Interview: Unsere Woche
Trends setzen und nicht hinterher laufen

Interview: Unsere Woche: Trends setzen und nicht hinterher laufen
Östlich der A 59 (links) in Marxloh soll das Duisburger Factory-Outlet-Center entstehen. Inzwischen gibt es Outlets nicht nur in Roermond, sondern auch schon in Bad Münstereifel und im westfälischen Ochtrup. FOTO: ARchiv
Duisburg. Bekommt Duisburg ein Factory-Outlet-Center oder nicht? Und wenn ja, kann es überhaupt noch Erfolg bringen?

Bald zwei Jahrzehnte ist es her, dass der damalige umtriebige Duisburger Planungsdezernent Jürgen Dressler seine Multi-Casa-Pläne öffentlich machte. Der ganz große Wurf sollte das werden, die westdeutsche Antwort auf das FactoryOutlet-Center im niederländischen Roermond wollte er dort realisieren. Es ist bekanntlich ganz anders gekommen. Die Antworten sind nicht hier gebaut worden, sondern rund um das Ruhrgebiet. Gegen das Projekt hatte damals unter anderem der Einzelhandelsverband seine Stimme erhoben, weil er das Ausbluten der Innenstadt befürchtete. Im Duisburger Norden hält er es allerdings gleichfalls für falsch platziert.

Die Frage ist allerdings nicht, wo ein FOC in Duisburg Sinn macht, sondern ob unserer Stadt ein solches Zentrum überhaupt noch Nutzen bringen kann. Vor 15 Jahren wäre das mit Sicherheit der Fall gewesen. Duisburg hätte von dem anlaufenden FOC-Hype profitiert. Mangels Alternativen wären die Kunden aus einem weiten Umkreis geströmt, egal ob in die Innenstadt oder in den Duisburger Norden. Inzwischen gibt es aber an jeder Ecke ein FOC, und wer das Internet beherrscht, der deckt sich dort mit Warensortimenten oft noch günstiger ein.

Dass der Marxloher CDU-Ratsherr Enzweiler nach wie vor der größte Verfechter dieses Projektes ist, verwundert nicht. Der Rechtsanwalt und Notar hat in Marxloh seine Kanzlei und sieht jeden Tag vor seiner Haustüre den wirtschaftlichen Abwärtstrend. Er kennt die Sorgen der dortigen Geschäftsleute und ist überzeugt ist, dass ein FOC zwischen Hamborn und Marxloh die vielleichte letzte Möglichkeit ist, das Blatt noch mal zu wenden. Doch schon die Ansiedlung von Ikea zwischen Hamborn und Marxloh war an die trügerische Hoffnung geknüpft, dass der Stadtnorden davon profitiert. Wenn der Einzelhandelsverband jetzt erneut gegen die Planungen spricht, dann vor allem, weil er befürchtet, dass die Geschäfte in der Innenstadt darunter leiden könnten. Denn die haben es schon jetzt nicht einfach. Wer beispielsweise durch die Königsgalerie läuft, der wird den Eindruck nicht los, dass nur wenige der Geschäfte vom dort erzielten Umsatz leben können. Ob auf der Wallstraße oder auf dem Sonnenwall, ob im Forum oder in den benachbarten Geschäften - kaum irgendwo spiegelt sich wider, dass Duisburg das Oberzentrum des Niederrheins ist und die Kundschaft hier in Strömen einfällt. Der Projektentwickler von Forum, Königsgalerie und Stadtfenster will dennoch ein weiteres Einkaufsprojekt realisieren, und zwar am Standort der jetzigen Stadtbibliothek. Er hofft darauf, als Ankermieter die Kette Primark zu bekommen. Gerade erst hat der Billigtextiler in Krefeld einen Laden eröffnet, in der einst so stolzen und feinen Samt- und Seidenstadt. Auch in Essen hat Primark seine (vorwiegend jungen) Kunden. Und in Zukunft dann auch in Duisburg? Kann das der Stadt gut tun? Von der Düsseldorfer Straße bis in die Altstadt - wo sich der Einzelhandelsverband offenbar ein FOC eher vorstellen könnte als in Marxloh - eine Schnäppchenpreis-Meile, dazwischen Filialen von Gastronomieketten, um die Aufenthaltsqualität zu steigern - ganz ehrlich, prickelnd ist diese Vorstellung nicht. Optimistisch stimmt da nur, dass sich solch ein Factory-Outlet- Center nicht einfach aus dem Boden stampfen lässt und somit die Zeit für unsere Stadt spielen könnte. Angesichts der Invasion von derartigen künstlichen Einkaufswelten kann es doch nur eine Frage der Zeit sein, bis das erste FOC vor der Pleite steht. Und dann würde drohen, was wir mit dem Musicaltheater schmerzhaft zu spüren bekommen haben. Läuft man einem Trend hinter, ist man der erste, der gebissen wird. Was Duisburg braucht, das sind Visionäre (nicht Spinner!), die dafür sorgen, dass die Stadt einen Trend mit vorgibt. Aber wer ist schon bereit, dieses Wagnis einzugehen, in Duisburg, wo die Bürger schon viel zu lang auf positive Signale warten. Eine Absage der FOC-Planung wäre ein solches!

HILDEGARD CHUDOBBA

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Interview: Unsere Woche: Trends setzen und nicht hinterher laufen


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.