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Duisburg
Troller zwischen Witzen und KZs

Duisburg. Georg Stefan Troller, geboren 1921 in Wien, wurde bekannt als Filmemacher, vor allem ab 1962 mit den Fernsehreihen "Pariser Journal" und "Personenbeschreibung", mit seiner subjektiven Art des Interviews. Jetzt war Troller wieder einmal zu Gast in Duisburg, und es war wieder ein Ereignis. Von Ingo Hoddick

Im gut gefüllten Atrium der Volksbank Rhein-Ruhr am Innenhafen las er für den Verein für Literatur aus seinen beiden jüngsten Büchern "Mit meiner Schreibmaschine" (2014) und "Unterwegs auf vielen Straßen" (2016). Mit gut 95 Jahren hat man viel erlebt und kann viel erzählen aus dem bewegten 20. Jahrhundert. Vor allem, wenn man Sohn eines jüdischen Pelzhändlers aus Brünn ist, 1938 über die Tchechoslowakei und Frankreich in die USA flüchtete, mit der US Army zurück kam und seit 1949 als amerikanischer Staatsbürger in Paris lebt. Wenn man per Interview viele berühmte Menschen hautnah erleben durfte. Hier gab es zunächst ein paar sehr gute jüdische Witze, von denen wir nur ein Bonmot wiedergeben können: "Frauenkenner ist in Wien ein anerkanntes Berufsbild." Besonders eindrucksvoll wirkte seine Beschreibung des gerade befreiten KZs Dachau - stinkende Leichenberge sind schon öfter beschrieben worden, aber selten mit dieser lakonischen Nüchternheit von einem, der einen großen Teil seiner Familie in Auschwitz verlor. Humorvoll dann Trollers Begegnung mit Marlene Dietrich, die mit ihm auf dem Weg zu Coco Chanel locker über das Wesen der Liebe philosophierte und zu dem Schluss kam: "Liebe ist Liebe!"

Wenn es einen roten Faden in Georg Stefan Trollers vielgestaltigem Leben gibt, dann ist es die Heimat im deutschen Sprachraum - vielleicht sogar in Wien, aus dem er zweimal vertrieben wurde (nach dem Zweiten Weltkrieg wollte man ihn dort zunächst nicht wieder haben). Das merkte er als US-Soldat im befreiten Straßburg, Goethe auf den Lippen, und auf dem Rückweg nach Amerika hatte er im Seesack antiquarische deutsche Bücher. Das merkte er bei einem seiner inzwischen nicht mehr so seltenen Besuche in Wien, als er von der Straße in den Stadttempel, die letzte Synagoge Wiens (wurde in der Reichspogromnacht verschont, weil links und rechts davon historische Bauten stehen) gezogen wurde - als zehnter Mann, der für einen offiziellen jüdischen Gottesdienst notwendig ist, es waren dann auch nicht mehr als zehn.

Zum Glück verliert Troller selten seinen sanften Humor. Auch dann nicht, wenn er bis heute immer wieder mit den Kollegen Gordian Troeller und Peter Scholl-Latour verwechselt wird ("Sie verstehen, Troll und Scholl").

Quelle: RP
 
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