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Duisburg
Udo Jürgens sang 1965 in Marxloh...

Fotos: Ein bewegtes Leben
Fotos: Ein bewegtes Leben FOTO: dpa, sm sv vfd
Duisburg. Leyla Özmal, Interkulturbeauftragte der Duisburger Stadtverwaltung und selber in Ankara geboren, warf bei einem Vortrag im Landesarchiv einen Blick auf die Migration vor allem türkischstämmiger Einwohner. Von Alfons Winterseel

Mit einem Vortrag über die Bevölkerungsentwicklung im Stadtteil Marxloh endete die Vortragsreihe "Gekommen, um zu bleiben?" über die Migration und Integration in Nordrhein-Westfalen seit 1946 im Landesarchiv am Innenhafen. Leyla Özmal, Interkulturbeauftragte der Verwaltung, warf dabei einen Blick auf die Migration vor allem türkischstämmiger Einwohner.

Sie selbst ist Teil dieser Geschichte: geboren in Ankara, kam sie im Alter von neun Jahren mit ihren Eltern nach Duisburg, wuchs in Rheinhausen auf und begann 1994 ihre Tätigkeit für die Stadt Duisburg. Anhand von Zahlen und Daten sowie Aussagen von Zeitzeugen zeichnete sie die Entwicklung des Stadtteils und seiner Einwohner von den 1950er Jahren bis heute nach.

In der Zeit des Wirtschaftswunders blühte Marxloh, die Geschäfte rund um das Pollmankreuz galten als das "Einkaufszentrum des Duisburger Nordens". Als die deutschen Unternehmen Arbeitskräfte im Ausland suchten, wurden in vielen Ländern eigene Büros gegründet, um Mitarbeiter anzuwerben. Um den unkontrollierten Zuzug zu verhindern, so Leyla Özmal, seien die Anwerbe-Abkommen getroffen worden. Alles unter Vorgabe, dass die Arbeitskräfte nach einigen Jahren das Land wieder verlassen. Die ausländischen Arbeitskräfte wurden in der Regel von Unternehmen in eigenen Wohnheimen untergebracht. Und die lagen dort, wo sie arbeiteten. Damit stieg der Anteil der ausländischen Einwohner u.a. in den Stadtteilen Marxloh, Meiderich oder Hüttenheim an. Aber: "1963 gab es in Duisburg rund 600.000 Einwohner, 3,5 Prozent von ihnen waren Ausländer."

Anfangs schien das Rotationsprinzip auch zu funktionieren. Doch es gab auch andere Wege, über die Arbeitskräfte aus dem Ausland nach Deutschland gelangten: Mit einem Touristenvisum. Dieser Weg führte bei Arbeitsaufnahme allerdings in die Illegalität. Im Laufe der Zeit wurden daraus in vielen Fällen aber legale Aufenthalte. "Auch gab es eine ,Kettenmigration': ausländische Arbeitskräfte sprachen ihren Arbeitgeber an, dass sie noch jemanden in der Heimat kennen, der auch gerne nach Deutschland kommen wolle. Diese Leute holten die Unternehmen dann ganz gezielt hierher." Marxloh boomte in den 60er Jahren. Es gab Kinos, Tanzlokale, viele Geschäfte. 1965 sang Udo Jürgens zur Eröffnung des Horten-Kaufhauses auf dem August-Bebel-Platz, fand Leyla Özmal in den Archiven. Mit dem wachsenden Umweltbewusstsein und der hereinbrechenden Krise bei Kohle und Stahl verließen ab 1970 viele einkommensstarke Familien den Stadtteil.

1973 kam der Anwerbestopp. Weil aber viele ausländische Arbeiter Angst hatten, dass ihre Frauen und Kinder nicht mehr nach Deutschland kommen könnten, holten sie sie über die Möglichkeit der Familienzusammenführung hierher. Von 1974 auf 1975 stieg dadurch die Zahl ausländischer Einwohner um 4500 an. In Marxloh betrug ihr Anteil 1975 knapp 20 Prozent. Doch die Menschen lebten teils in schlimmen Verhältnissen, was die Politik auf den Plan rief. Leyla Özmal: "Obwohl eigentlich Schulpflicht herrschte, wussten die Schulen manchmal nicht, ob sie die ausländischen Kinder überhaupt aufnehmen durften." 1980 wurde schließlich ein "Ausländergesamtplan" für Duisburg erstellt, nachdem es 1976 eine Landesstudie über die Belastung der sozialen Infrastruktur der Kommune am Beispiel von Duisburg gegeben hatte. Es folgten eine Reihe von Maßnahmen mit dem Ziel, die Integration zu fördern, dabei aber auch die kulturelle Identität zu erhalten und die Rückkehrmöglichkeit nicht zu untergraben, so Leyla Özmal. 1983 begann die Rückkehrförderung. "Rund 10.000 türkischstämmige Einwohner Duisburgs - vor allem aus Hüttenheim - verließen damals das Land." In Marxloh stieg trotzdem die Zahl. Unter anderem lag dies an der Zahl politischer Flüchtlinge nach dem Militärputsch in der Türkei 1980. Und wie überall in der Welt zog es die Menschen zu ihren Landsleuten. In den 1980er Jahren herrschte in Marxloh vor allem unter jungen Migranten eine hohe Arbeitslosigkeit. Erste Maßnahmen für ihre berufliche Bildung begannen, Seiteneinsteiger wurden qualifiziert, die Regionalstelle zur Förderung ausländischer Jugendlicher (RAA) nahm ihre Arbeit auf, ein internationales Jugendzentrum wurde errichtet.

Mitte der 90er Jahre wurde das Integrierte Handlungskonzept für Marxloh mit der Einsicht entwickelt, die entstandenen Problemlagen im Stadtteil seien nur gemeinsam mit den Bewohnern zu lösen. "Es wurde nicht mehr auf eine bestimmte Zielgruppe geschaut, sondern auf ein ganzes Quartier!" In Gesprächen und Diskussionen begegnete man sich auf Augenhöhe und die lange negative Entwicklung wurde in den Folgejahren langsam wieder gedreht. "Die Bewohner des Stadtteils hatten sich aber auch zu diesem Zeitpunkt schon selbst auf den Weg gemacht."

In Marxloh, so ihr Resümee, entwickelte sich schon damals etwas, was man heute Globalisierung nenne. Und wer in Marxloh selbst aufgewachsen sei, der sehe seinen Stadtteil mit ganz anderen Augen als Menschen von außerhalb und viele Medien.

Quelle: RP
 
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