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Duisburg
Vom Ruhrgebiet in die ländliche Idylle

Duisburg: Vom Ruhrgebiet in die ländliche Idylle
Etappen einer langen Reise: An der Salzmannstraße (Foto) geht's mit der Linie 908 los. Von dort führt die Reise in unserem Bus bis zum Hamborner Rathaus. Dann geht's mit der Linie 925 bis zum Bahnhof Meiderich. Anschließend führt unser Weg von Meiderich Bahnhof (Grafik, ganz am rechten Bildrand) mit der Linie 925 über den Rhein in Ruhrort, durch Homberg bis nach Baerl. FOTO: DVG/Foto: Sibel ÖNDER
Duisburg. Mit dem öffentlichen Nahverkehr von Neumühl nach Baerl zu fahren - das funktioniert, aber es ist zeitaufwendig. Zwischen diesen beiden Stadtteilen liegt mehr als nur der Rhein. Von Sibel Önder

Mit öffentlichen Nahverkehrsmitteln vom Süden in den Norden oder umgekehrt zu kommen ist kein Problem und funktioniert dank der Straßenbahnverbindungen in der Regel verlässlich und schnell. Anders sieht es aus, wenn man die Stadt von Ost nach West und auch noch über den Rhein durchqueren will. Wie es sich dann mit dem Verkehrsangebot der DVG verhält, will ich herausfinden.

Meine Fahrt beginnt an der Salzmannstraße in Neumühl, also kurz vor der Stadtgrenze nach Oberhausen. In Baerl will ich mir eine freie Wohnung anschauen. Ein eigenes Auto habe ich nicht, aber ich weiß, dass die Buslinie 908 mich zu meinem Ziel bringen kann.

Der Bus der Linie 908 ist, als ich um 13.12 Uhr einsteige, noch ziemlich leer. Zu den Fahrgästen gehören vor allem einige Schulkinder. Bei jeder Haltstelle kommen mehr dazu, und es wird zunehmend lauter. Nicht alles kann man verstehen. Denn das Publikum ist international. Gelegentlich bricht Kinderlärm oder ein Aufschreien aus. Das stört hier keinen. Ich finde ein solches Verhalten rücksichtslos, zumal einige Fahrgäste einen erschöpften Eindruck machen und sicherlich ihre Ruhe haben wollen. Als dann der Bus über die unebenen Straßen Neumühls hin- und herwackelt, wird es richtig ungemütlich. Wie gut, dass ich einen Sitzplatz habe und nicht stehen muss.

FOTO: dvg

Die Fahrt führt ganz nah vorbei an den Haustüren einiger Einfamilienhäuser. Vom Bus aus kann jeder den Leuten auf den Tisch gucken. Das fühlt sich fast schon wie unerlaubtes Eindringen in eine Privatsphäre an. Ich ertappe mich dabei, wie auch ich neugierig gucke. Gut nur, dass ich nach 13 Minuten am Hamborner Rathaus aussteigen kann.

Hier muss ich mich allerdings sputen, um noch die Straßenbahn in Richtung Meidericher Bahnhof zu erwischen. Die 903 steht schon an der Haltestelle, und ich renne los. Knapp geschafft! Dabei hatte mir die VRR-App mitgeteilt, dass ich zum Umsteigen ein paar Minuten Zeit habe. Auch einige Kinder im Bus sind mit mir ausgestiegen und wollen noch die Bahn erreichen. Trotz roter Ampel rennen sie einfach über die Straße. Ganz schön gefährlich, denke ich. Wie gut wäre es, wenn Bus und Bahn so nebeneinander halten würden, dass solche Situationen gar nicht erst entstehen können.

In der Bahn ist es, ähnlich wie zuvor im Bus, nicht besonders voll. Das muss an der Tageszeit liegen. Denn aus Erfahrung weiß ich, dass das zur Rushhour ganz anders ist. Dann quetschen sich die Fahrgäste in die Bahn. Dann einen Sitzplatz zu bekommen, ist fast so wahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto. Jetzt, um die Mittagszeit, ist es dagegen fast schon gemütlich.

Neben mir döst eine Frau vor sich hin. Schräg gegenüber unterhält sich ein Mann lautstark am Handy, so dass alle Umstehenden zuhören müssen. Als meine Geduld fast reißt, beendet er das Gespräch - aber leider nur, um einen kurzen Augenblick später erneut zu telefonieren. Es ist schon erstaunlich, welche privaten Geheimnisse da vor aller Ohren erörtert werden. Gegen ein Telefonverbot im öffentlichen Nahverkehr hätte ich nichts einzuwenden. Die aktustische Belästigung ist doch wirklich nicht angenehm.

Der Mann ist zwar der einzige rundum, der telefoniert. Aber Smartphones haben fast alle Fahrgäste in den Händen, und starren konzentriert auf ihre Bildschirme. Zugegeben, auch ich nutze mein Smartphone, um zu lesen und mir Notizen zu machen.

Gerade mal zehn Minuten dauert die Fahrt vom Hamborner Rathaus bis zum Meiderich Bahnhof. Anfahren, halten, warten, bis alle, die wollen aus- oder eingestiegen sind, bis sich die Türen wieder geschlossen haben und es weiter geht zur nächsten Haltestelle - das ist dennoch nervig. Immerhin kommt die Bahn auf ihrer Route dank ihrer Vorrangschaltung zügig voran, weil sie nicht an jeder roten Ampel halten muss. Mit dem Auto diesen Weg zurücklegen würde vermutlich deutlich länger dauern.

Um 13.45 Uhr bin ich am Meidericher Bahnhof. Eine halbe Stunde Fahrtzeit für noch nicht einmal acht Kilometer - in dieser Zeit könnte ich mit dem Zug fast schon von Duisburg nach Düsseldorf fahren. Vorausgesetz, dass die Züge pünktlich sind, versteht sich.

Am Bahnhof in Meiderich geht es zügig weiter. Nur fünf Minuten muss ich auf meinen Bus nach Baerl warten. Der 925er ist pünktlich und - jetzt schon keine Überraschung mehr - so leer, dass ich problemlos sitzen kann. 39 Minuten oder 23 Haltestellen trennen den Nordstadtteil von dem im Westen, das Ruhrgebiet vom Niederrhein, den Großstadttrubel von der ländlichen Idylle. Wegen einer langwierigen Ticketdiskussion mit einem Fahrgast und wegen eines Fahrerwechsels verzögert sich die Weiterfahrt zweimal um einige Minuten. Macht nichts, man kann ja aus dem Fenster schauen, was bei der "Rheinüberquerung" besonders reizvoll ist.

Um 14.29 Uhr habe ich die Zielhaltestelle an der Heinrich-Kerlen-Straße erreicht. Bei einer Gesamtfahrzeit von einer Stunde und sieben Minuten steht für mich schon jetzt fest, dass die angebotene Mietwohnung für mich nicht infrage kommt. Täglich zweimal diesen Weg zwischen Wohnort und Arbeitsplatz in Neumühl zurückzulegen, das will ich mir wirklich nicht antun, zumal ich diesmal noch günstige Voraussetzungen hatte und ich im Berufsverkehr sicherlich viel länger benötigen würde.

Als ich aus dem Linienbus aussteige, umweht mich frische Landluft. Wie angenehm!

Gegen einen Sonntagsausflug mit der DVG nach Baerl spricht ja eigentlich nichts, denke ich mir und plane in Gedanken schon mal...

Quelle: RP
 
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