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Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten
Vulkanwinter führte zu Hungerkrise

Duisburg. Ein Vulkanausbruch in den Tropen löste in Duisburg vor 200 Jahren eine Hungerkrise aus und erschwerte den Neuanfang nach dem Abzug der Franzosen. Später ging es aufwärts, aber die Industrialisierung führte zu neuen Problemen. Von Harald Küst

Ausgelöst durch die schlimmste Missernte des 19. Jahrhunderts kam es auch im Rheinland zu einer schwerwiegenden Hungersnot. Dass die Not auf eine noch weit verheerendere Katastrophe zurückging, ahnten die Menschen vor 200 Jahren nicht. Der Vulkan Tambora in Indonesien hatte im April 1815 Dutzende Kubikkilometer Magma aus seinem Schlund geschleudert und über die Stratosphäre Asche und Aerosole global verteilt.

70.000 Menschen sollen während des Ausbruchs und in den ersten Tagen danach gestorben sein. Und das war erst der Anfang einer Katastrophe. Der Ausbruch warf das Klima aus der Bahn, brachte in den Jahren 1816/17 selbst in Westeuropa Menschen Hunger, Krankheit und Not, so auch in Duisburg. Vom Monat April bis Oktober regnete es beständig. Das Wetter schlug Kapriolen. Regen, Kälte und Schlechtwetterperioden führten zu Missernten, Überschwemmungen, explodierenden Getreidepreisen und wachsender Arbeitslosigkeit. Im Frühsommer, vor der Ernte, erreichte die Not unerträgliche Ausmaße. Die Preise für Lebensmittel stiegen bis auf das 16-fache.

Zur Behebung der Hungersnot errichtete die preußische Regierung in Cleve einen "Central-Hülfsverein", so der Chronist Conrad Jacob Carstanjen. In der Zwischenzeit verschärfte sich die Not der Bevölkerung drastisch. In Duisburg waren die Betroffenen von der Unterstützung der Armenfürsorge abhängig, um nicht zu verhungern. Es bildete sich ein "Nothverein", der Hilfsbedürftigen unentgeltlich oder durch Austeilen von "wohlfeilem Brot und nahrhaften Suppen" das Überleben sicherte. In der Krise zeigten sich die Menschen solidarisch. Am 1. Mai verteilte die Suppen-Anstalt im Minoriten-Kloster am heutigen Karmelplatz kostenlose Suppenportionen aus Gerstengrütze, Erbsen und Kartoffeln an die ganz Bedürftigen. Erst im Sommer 1817 entspannte sich die Ernährungslage wieder. 1695 Duisburger wurden während der Notzeit 1816 bis 1817 unterstützt, bilanzierte der Chronist Carstanjen.

Die Bürgermeisterei Duisburg zählte 5742 Einwohner. Die Region war von den Napoleonischen Kriegen ausgelaugt. 1816 gingen die Franzosen - Duisburg wurde wieder preußisch. Der Neuanfang hätte kaum unter ungünstigeren Zeichen stehen können. Dennoch: Die Basis für die Überwindung der Krise war der Reformwille. Die Voraussetzungen für einen Neuanfang waren nunmehr auf administrativer und privatwirtschaftlicher Ebene gegeben.

Gewerbefreiheit und kommunale Selbstverwaltung der Stein-Hardenbergschen Reformen setzten in den Folgejahren Wettbewerbskräfte frei, die die Folgen der Hungerkrise bald überwand. Jeder durfte nun Unternehmer werden (vorher nur Bürgerliche), ein Handwerk ausüben (vorher nur Zunftmitglieder), Rittergüter kaufen und verkaufen (vorher nur der Adel).

Es entwickelte sich eine auf freie Konkurrenz und Wachstum basierende Wirtschaftsstruktur. Baumwollweberei und Tabakfabrikation waren noch bis Anfang des 19. Jahrhunderts die wichtigsten Gewerbezweige Duisburgs.

Der entscheidende Wandel zur Frühindustrialisierung setzte mit der Gründung chemischer Werke ein. 1824 errichtete Friedrich Wilhelm Curtius eine Schwefelsäurefabrik in Kaßlerfeld.

Auch die Investitionen in die Infrastruktur gewannen an Fahrt. Ein Arbeitsmarkt entstand. Der Ausbau des Rheinkanals ab 1828, die Schaffung des Eisenbahnnetzes ab den 1840er Jahren schufen die Voraussetzungen für die industrielle Entwicklung und schafften neue Arbeitsplätze in Duisburg.

Die Bevölkerungszahl stieg von circa 5000 auf knapp 12.000 im Jahr 1850 und explodierte zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf über 100.000. Mit der Industrialisierung erhöhte sich in kleinen Raten die Durchschnittstemperatur. Die globale Erwärmung kündigte sich an, aber die Risiken wurden nicht erkannt.

Der Ausbruch des Tambora zeigt, wie sehr Naturkatastrophen globale wirtschaftliche Krisen auslösen können. Damals ein singuläres Ereignis, aber Ähnlichkeiten zur heutigen Situation sind offensichtlich. Der Weltklimarat schreibt in seinem Sachstandsbericht, dass es extrem wahrscheinlich ist, dass die beobachtete globale Erwärmung zu mehr als 50 Prozent vom Menschen verursacht wird. Unwillkürlich fragt man sich: Wenn das Klimachaos durch den Tambora nur zwei Jahre gedauert und trotzdem so schreckliche Folgen hatte - was wird der menschengemachte Klimawandel bringen?

QUELLEN: DUISBURGER FORSCHUNGEN, BAND 46, CHRONIK DER STADT DUISBURG VON CONRAD JACOB CARSTANJEN (1763-1840). VULKANWINTER 1816: DIE WELT IM SCHATTEN DES TAMBORA VON GILLEN WOOD.

Quelle: RP
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