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Duisburg
"Was Heimat ist, entscheide ich selber"

Duisburg: "Was Heimat ist, entscheide ich selber"
Wo gehöre ich hin? Wo ist meine Heimat? Unsere Autorin Julia Zuew findet darauf differenzierte Antworten, aber keine absolute Wahrheit. Das liegt nicht zuletzt an ihrer bewegten Vergangenheit als "Grenzgängerin". FOTO: christoph Reichwein
Duisburg. Unsere Mitarbeiterin schildert hier ihre persönliche, oft dramatische Flucht- und bisherige Lebensgeschichte, deren Kapitel mit Deutschland, Weißrussland, Lettland und dann wieder Deutschland überschrieben werden können. Von Julia Zuew

Wir schmierten uns Brote, kochten Tee, mein Vater packte Kompass und Landkarte ein: Das klingt wie ein Sonntagsausflug, nicht wie die Flucht einer Familie. Ein Freund fuhr uns an die weißrussische Grenze, verabschiedete uns, und dann standen wir vor dem bewaldeten Grenzgebiet. Wir warfen einen Blick auf die Karte und machten uns in der Dämmerung auf den Weg durch die Böschung. Immer tiefer zwischen die Bäume, bis kein Pfad mehr weiterführte. Ich war damals neun Jahre alt. Mein Gepäck war ein kleiner karierter Rucksack, mit zwei Büchern und Plüschtieren darin. Es war bereits hell, als wir nach mehreren Stunden Fußmarsch aus dem Wald heraustraten, unsere Kleider waren komplett durchnässt von dem Tau der Sträucher im Wald. Vor unseren Augen erstreckte sich ein breiter, glatt geharkter Erdstreifen. Wir wateten zurück in den Wald, behielten den Streifen aber im Blick.

So haben Sie Duisburg noch nie gesehen FOTO: Christoph Reichwein

"Vielleicht ist das ja der Grenzstreifen", meinte mein Vater. Schließlich endete der Wald, wir kamen auf einem Schotterweg raus. Dahinter lagen kleine Häuser mit Vorgärten. Aus den Nebelschwaden am Ende des Schotterwegs hallten plötzlich Schritte auf den Steinen. Ein Mann in dunkelgrüner Uniform kam auf uns zu. Es war jemand vom Grenzschutz. Als wir die Fragen nicht verstanden, die Sprache uns völlig fremd war, atmeten wir erleichtert auf - wir waren definitiv bei einem Grenzposten aus Lettland gelandet, nicht bei Weißrussen. Ich freute mich. Und ich wusste, dass ab jetzt alles anders sein würde, als ich es bisher gewohnt war.

Ich bin in Deutschland geboren. Meine Muttersprache ist Deutsch. Fast nie hat bisher jemand auf Anhieb vermutet, dass ich nicht hier aufgewachsen bin. Meine Eltern hatten sich über Jahre hinweg in Deutschland ein neues Leben aufgebaut, gearbeitet, hatten einen deutschen Freundeskreis, und auch zuhause sprachen wir nur Deutsch. Vorbildlich integriert, könnte man sagen. Ich ging in einen katholischen Kindergarten. Trotzdem standen wir zu dritt im Winter 1997, bei Frost und Schnee, auf dem Flughafen von Minsk in Weißrussland. Das Notwendigste in zwei Koffern verstaut und keinen Plan, wo wir die Nacht verbringen sollen. Meinen Eltern soll ein Polizeibeamter in Deutschland vor dem Abflug gesagt haben: "Nun geht's für euch nach Hause." Von unserem Zuhause - und meiner Heimatstadt in Oberfranken - waren wir nun zirka 1400 Kilometer entfernt.

Was wir mit Heimat verbinden FOTO: Fischer, Armin (arfi)

Meine Eltern suchten eine Telefonzelle, riefen ihre Eltern, Freunde und Verwandte an und fragten, wo wir übernachten können. Damals hegten sie die Hoffnung, es würde schnell gehen mit der Rückkehr. Doch spätestens nach dem ersten Monat in fremden Betten und Wohnzimmern wurde klar, dass unser Zuhause sich vorerst auf den Inhalt unserer Rucksäcke beschränken würde. Bis zu meinem sechzehnten Lebensjahr passten meine persönlichen Sachen in ein paar Bananenkisten.

Mal waren es zwei Wochen, mal zwei Monate, die wir an einem Ort verbrachten. Meine Eltern besorgten deutsche Bücher und unterrichteten mich selbst. Schnell entdeckte ich für mich, dass lesen eine Art war, das Hier und Jetzt zu vergessen - ebenso wie schreiben und zeichnen. Mit meinem Vater war ich viel unterwegs im Grünen. Ich gebe zu: Abseits der Dinge, die damals bei uns im Leben schiefgelaufen waren, hatte ich eine spannende und schöne Kindheit.

Anderseits gab es aber Wochen, in denen wir Pfand sammelten, um Sprotten in der Dose und Brot zu kaufen. Wintermonate in einer Holzhütte mit Wänden voller Löcher, am Rande eines Waldes. Ohne Leitungswasser und stabile Heizung. Es war Glück, dass wir durch Verwandte an Rezepte für Medikamente und Pflichtimpfungen kamen. Viele Krisen überstanden wir nur durch Hilfe von Leuten, die selbst wenig hatten und uns trotzdem unterstützten. Mit Gelegenheitsjobs hielten meine Eltern uns über Wasser. In Weißrussland versuchten sie jahrelang, Widerspruch gegen den Abschiebungsbeschluss einzulegen. Als dann auch alle Versuche beim Europäischen Gerichtshof in Straßburg scheiterten, fassten wir einen Entschluss: Wir müssen fliehen. Dies schien die einzige Aussicht auf ein normales Leben zu sein.

Erst als Zwischenstation geplant, nahm Lettland bald eine große Rolle in meinem Leben ein. Ich ging zum ersten Mal in die Schule, absolvierte zusätzlich eine Kunstschule. Mein Taschengeld verdiente ich mit Übersetzungen und Nebenjobs. In dieser Zeit wollte ich zum ersten Mal in ein Raster zu passen. Einfach wie die anderen sein, gleich denken und reagieren. Ich wollte mich festlegen, dazugehören - und erkannte, dass ich diese Illusion zwar bei mir und anderen erwecken konnte, mir damit auf langer Strecke aber was vormachte. Hing es mit meinem Lebenslauf zusammen? Wahrscheinlich mehr, als es mir damals bewusst war. Die "Flucht nach Hause" wurde zur Suche nach einer Nische, die zu mir passt. Über allem schwebte die Frage: Wo gehöre ich hin? Nicht nur im geografischen Sinne. Vor über vier Jahren zog ich nach meinem Abitur ins Ruhrgebiet und begann Journalismus und PR zu studieren. Meine Eltern rückten kurze Zeit später nach.

Oft wurde ich gefragt: "Fühlst du dich hier sicher, ist Deutschland noch deine Heimat?" Ja, das ist es. Vielleicht in etwas anderem Sinne, als die Allgemeinheit es formuliert. Mein Heimatgefühl und meine Geborgenheit mache ich weniger vom Pass abhängig als von eigenen Empfindungen.

Zuhause ist für mich da, wo ich das Gefühl habe, eine Aufgabe im Leben zu haben. Wo mich Menschen auch ohne Worte verstehen. Ein Ort, zu dem ich auch frei von Tarnung und Maske passe. Wo ich mein Leben selbst in der Hand habe. Und wo dieser Ort ist, entscheide ich selbst. Jenseits der Ansichten vereinzelter Menschen, die vor 17 Jahren die Abschiebung veranlassten.

Quelle: RP
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