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Duisburg
Wenn die eigene Frau zur Fremden wird

Duisburg. Demenz kann verschiedene Formen annehmen. Günther (80) erkennt seine Frau Hanni (75) nicht mehr. Sie holt sich unter anderem im Forum Demenz bei Elisabeth Weber und Julia Urban Beratung und Hilfe. Von Lena Köhnlein

Ein Mann um die 80 Jahre sitzt in einem Stuhl, er ist ruhig, lauscht und wirkt interessiert: "Ich heiße Günther mit th". Das weiß er noch, freuen sich die Menschen um ihn herum. Nicht selbstverständlich, denn Günther ist dement und erkennt seine eigene Frau nicht mehr. "Er glaubt mir einfach nicht, dass ich ich bin", sagt Hanni. Dabei sind die beiden seit 52 Jahren verheiratet. Günther zeigt ihr zwar manchmal Fotos mit Hanni drauf, doch sagt er: "Das ist meine Frau - also nicht du!" Dabei kümmert sich Hanni um Günther - jeden Tag.

Wer Hanni in Günthers Augen ist, weiß die 75-Jährige selbst nicht. "Wenn ich kurz raus gehe und wieder rein komme, dann bin ich eventuell schon jemand anderes." Der 80-Jährige frage seine Frau auch: "Wie? Wir sind verheiratet? Du und ich?"

Angefangen hat es damit, dass Günther nicht mehr so schnell war, wie die anderen, etwa beim Lösen von Rätseln. Später weckte er seine Frau mitten in der Nacht, da er dachte, Tiere würden im Bett toben und Menschen befänden sich im Raum, erinnert sich die 75-Jährige. Wenn die imaginären Besucher wieder weg waren, wollte er sie prompt suchen gehen. Es sei schwer gewesen, die Krankheit und das Vergessen am Anfang zu akzeptieren. "Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und sage ihm, dass ich immer bei ihm bin und ihn nicht verlasse". Alleine sein, das möchte Günther gar nicht mehr. Ohne ihn geht Hanni kaum noch aus dem Haus.

Demenz kann verschiedene Formen annehmen. Auch Elses Mann Hanns leidet unter der Krankheit, doch der 85-Jährige erkennt seine Angehörigen noch. Die Krankheit macht sich anders bemerkbar. "Er ist immer noch so humorvoll und charmant wie früher", sagt die 75-Jährige. Anfangs hätte er häufig dieselben Fragen gestellt, wie "Was machen wir heute?" "Beim vierten Mal bin ich dann ausgerastet", sie wurde motzig, ohne zu wissen, dass er krank ist. Ihr Schwager, Arzt und selbst Partner einer Demenzerkrankten, hatte sie darauf aufmerksam gemacht. "Ich war fertig mit der Welt", sagt Else.

Bemerkbar mache sich die Krankheit an Kleinigkeiten. Im Sommer vor vier Jahren hatte das Ehepaar einmal Fruchtfliegen in der Wohnung. "Ich habe den Obstkorb mit einem Tuch abgedeckt", erinnert Else sich. "Seitdem macht mein Mann das immer - egal ob Sommer oder Winter."

Trotz ihrer Krankheit unternimmt das Paar und auch Hanni und Günther viel. Es sei wichtig, dass die Betroffenen noch stark sozial eingebunden sind, so die Frauen. Hans geht beispielsweise noch zu seinem Männerstammtisch. Der 85-Jährige spreche nicht mehr mit anderen in dem Sinne, dass er sich austausche, erklärt Else. "Auch nicht mit mir", sagt sie. Die Freunde kümmern sich um ihn und würden ihn danach zum Bus bringen. Selbstständig zu sein soweit es geht, sei auch bei Demenz wichtig, erklärt Beraterin Elisabeth Weber (55). Ebenso sollten sich Betroffene viel bewegen und aktiv sein. Hierfür biete sich etwa die Demenzsportgruppe im Klinikum Kalkweg an. Daneben gehen beide Paare viel an die frische Luft.

Außerdem besuchen sie das Gedächtnistraining im Forum Demenz. Die ersten Jahre hätten beide Frauen versucht, alleine mit der Erkrankung ihrer Partner umzugehen. Das würden viele machen, sagt Weber. Gründe seien, dass sich viele Angehörige schlecht fühlen würden, wenn sie ihre Verantwortung teilen. Dabei sei das gerade wichtig, auch für den Demenzerkrankten. "Man sollte sich jede Hilfe holen, die man irgendwie kriegen kann", sagt Hanni rückblickend. Denn auch sie hätte anfangs die Beratung gescheut. Elisabeth Weber wendet dann schon mal Überredungskünste an, macht Termine aus oder schlägt gezielt Kurse vor. Auch zeigt sie den Betroffenen auf, dass es ok ist, die Partner auch einmal in die Obhut Anderer zu geben. Hanni bringt Günther erst seit drei Wochen immer mittwochs in eine Tagespflege. Die Zeit nutzt sie für sich. "Ich gehe dann zur Wassergymnastik".

So stehen feste Termine auf den "Stundenplänen" der Männer. Von Sitzgymnastik, über Gedächtnistraining bis hin zu Museumsbesuchen. "Es ist wichtig, Struktur in den Alltag zu bringen", sagt Else. Was sie nicht mag ist, wenn Menschen sagen, dass ihr Mann ja wie ein Kind sei. "Er ist erwachsen, er hat einfach eine Krankheit."

Beratung für Angehörige oder Menschen mit Demenz gibt es im Forum Demenz bei Julia Urban und Elisabeth Weber unter 02033095676 oder forum.demenz@awocura.de. Weitere Infos unter www.forum-demenz.net

Quelle: RP
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