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Duisburg
Wer will heute noch Schiffer werden?

Duisburg: Wer will heute noch Schiffer werden?
Binnenschiffer müssen flexibel sein, und das nicht nur dann, wenn sie vom Kahn aufs Auto umsteigen wollen. Auch die Auszubildenden müssen sich darauf einstellen, oft mehrere Wochen hintereinander nicht zu Hause zu sein. FOTO: end
Duisburg. Der Beruf auf dem Wasser hat an Reiz verloren. Selbst im Zentrum der Binnenschifffahrt, in Duisburg, mangelt es an Ausbildungswilligen.

Olaf Prenzing hat eigentlich keinen Grund zum Klagen: Der 35-jährige Ausbildungsleiter der Haeger & Schmidt Logistics GmbH und seine Kollegin Laura Lindner (25) betreuen durchschnittlich pro Jahr 30 Auszubildende, die in der Unternehmensgruppe unter dem Motto "Logistisch ins Berufsleben" zum Binnenschiffer, Kaufmann für Spedition und Logistikdienstleistung, Fachkraft für Hafen-Logistik, Informatikkaufmann sowie Kaufmann für Büromanagement ausgebildet werden. Zum positiven Image des Unternehmens trägt nicht zuletzt auch die Auszeichnung als familienfreundliches Unternehmen durch den Unternehmerverband, die Stadt Duisburg und die Industrie- und Handelskammer bei.

Die Unternehmensgruppe hat europaweit mehr als 200 Mitarbeiter und verbucht pro Jahr einen Umsatz in dreistelliger Millionenhöhe. Seit 2013 gehört Haeger & Schmidt zum österreichischen Logistikkonzern Felbermayr.

Was dem Ausbildungsteam bei dem Traditionsunternehmen allerdings auffällt, ist die Zurückhaltung der Bewerber gegenüber eher ungewöhnlichen Ausbildungsgängen wie dem Binnenschiffer beziehungsweise der Binnenschifferin. "Wir können zum 1. August noch bis zu acht Auszubildende für den Ausbildungsberuf des Binnenschiffers einstellen, aktuell fehlt es schlicht an Bewerbern", hat Olaf Prenzing festgestellt.

Bundesweit hat der Ausbildungsgang eher Seltenheitswert: Die dreijährige Ausbildung zum Binnenschiffer ist in Deutschland nur in Verbindung mit dem Berufsschulunterricht auf dem Schulschiff Rhein, das im Stadtteil Homberg vor Anker liegt, oder einer weiteren Einrichtung in Schönebeck im Osten Deutschlands möglich. Haeger & Schmidt Logistics bildet die eigenen Auszubildenden in enger Kooperation mit thyssenkrupp Veerhaven B.V. aus. Praktische Erfahrung sammeln die Binnenschiffer dabei in der Schubbootflotte des Partners und auf dem eigenen Binnenmotorschiff Schwelgern.

"Binnenschiffer sollten neben der mittleren Reife Verantwortungsbewusstsein, Konzentrations- und Entscheidungsfähigkeit mitbringen", sagt Olaf Prenzing. Technisches Verständnis - notwendig beim Warten und Instandsetzen von technischen Anlagen, Maschinen und Bordsystemen - ist ebenfalls unerlässlich. "Farbenblindheit und eingeschränktes Hörvermögen sind allerdings Ausschlusskriterien", so Laura Lindner.

Anscheinend abschreckend für viele Bewerber: die Arbeitszeiten. Binnenschiffer sind meist 14 Tage durchgehend an Bord und haben dann 14 Tage frei. Dieser Rhythmus gilt - unterbrochen durch den Unterricht auf dem Schulschiff Rhein - auch für die Auszubildenden. Im Gegenzug kann der Ausbildungsberuf mit vergleichsweise hohem, vierstelligem Ausbildungssalär und (bedingt durch attraktive Zuschläge) vergleichsweise hohem Einstiegsgehalt bei Übernahme punkten. Mit dem erworbenen Wissen und erfolgreich absolvierter Ausbildung haben die Auszubildenden alle Möglichkeiten, um später auch eigene Schiffe zu führen und eine Karriere in der Schifffahrt anzustreben.

Bestes Beispiel bei Haeger & Schmidt ist eine ehemalige Auszubildende, die im Alter von 22 Jahren im November 2016 das große Rheinpatent erwarb. Mit dem Schein in der Tasche fährt sie heute als Schiffsführerin bei Haeger & Schmidt Logistics auf fast allen Flüssen Europas.

Lichtblick für das Ausbildungsteam: Einer der neuen Auszubildenden kommt extra für die Ausbildung zum Binnenschiffer aus Griechenland an den Rhein. Da sollte sich doch eigentlich auch deutlich näher noch geeigneter Nachwuchs finden lassen, oder?

Quelle: RP
 
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