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Duisburg
Wie al Qaida nach Duisburg kam

Von Christian Schwerdtfeger und Gregor Mayntz

Duisburg/Berlin Es war kurz vor halb neun, als Anwohner eines Mehrfamilienhauses in Duisburg-Meiderich durch einen lauten Knall aufgeschreckt wurden. "Ich habe es nur ganz laut krachen gehört und bin dann sofort raus ins Treppenhaus", berichtet eine Bewohnerin. Maskierte Spezialeinsatzkräfte von Landes- und Bundeskriminalamt waren gewaltsam in die Wohnung über ihr eingedrungen. Wenige Minuten später führten sie einen 38-jährigen Kurden aus dem Irak in Handschellen ab. Die bange Frage nach dem Aufenthalt mutmaßlicher versteckter Al-Qaida-Terroristen hatte eine beklemmend nahe Antwort erhalten.

Die Augen des Mannes waren verbunden. Die Polizei wollte offenbar nicht, dass der 38-Jährige erkannt wird. Dem Kurden wird vorgeworfen, Mitglied des Terrornetzwerkes zu sein. Er soll mit zwei weiteren Männern, die zeitgleich in Oslo verhaftet wurden, einen Bombenanschlag geplant haben. Norwegische und amerikanische Sicherheitsbehörden sollen die drei Männer seit mehr als sechs Monaten im Visier gehabt haben. Der Iraker war "als Tourist" nach Deutschland eingereist und erst am Vorabend in dem Duisburger Haus eingekehrt.´

Großer Schock für die Anwohner

Der Schock über die Festnahme sitzt tief bei den Hausbewohnern "Wir sind alle fassungslos", sagte eine Anwohnerin. Nachbarn beschreiben die Familie, bei der der Terrorverdächtige zu Gast war, als ruhig und unauffällig. Sie habe drei Kinder im Grundschulalter und stamme ebenfalls aus dem Irak, wohne aber schon seit 13 Jahren in Duisburg. Der mutmaßliche Terrorist soll mit dem Familienvater befreundet gewesen sein.

Er soll jetzt an Norwegen ausgeliefert werden. Allerdings kann sich die Auslieferung noch etwas hinziehen. "Der Festgenommene muss erst der Abschiebung zustimmen. Sollte er das nicht tun, kann es noch Wochen dauern, bis wir ihn unseren norwegischen Kollegen übergeben können", erläuterte der Leitende Oberstaatsanwalt Günter Wittig.

Auf jeden Fall haben die Sicherheitsorgane zum wiederholten Mal Terrorverdächtige rechtzeitig vor geplanten Anschlägen aus dem Verkehr gezogen. Damit scheint der immense Aufwand, den der Staat durch intensivste internationale Zusammenarbeit und Kooperation auch zwischen den Behörden in Deutschland betreibt, Früchte zu tragen. Der Vorgang in Duisburg hat auch das Gemeinsame Terror-Abwehrzentrum in Berlin intensiv beschäftigt. Dort kommen Vertreter der verschiedenen Polizeibehören aus Bund und Ländern, Geheimdiensten und Ministerien täglich zu Lagebesprechungen zusammen und tauschen sich über alle Entwicklungen aus, die mit einer Bedrohung Deutschlands zu tun haben könnten.

Der in Duisburg festgenommene Iraker gehörte nicht zum Kreis der in Deutschland schärfer beobachteten Islamisten. 125 Personen sind derzeit als "Gefährder" eingestuft. Sie haben zum Teil eine paramilitärische Ausbildung in einschlägigen Terrorcamps erhalten oder sich stark radikalisiert. Hinzu kommen über 300 "relevante Personen" die mit den "Gefährdern" regelmäßig zu tun haben und deshalb auch immer wieder überprüft werden. Diese sind den Sicherheitsorganen alle namentlich bekannt. Die islamistische Szene aus gewaltbereiten Verfechtern des "Heiligen Krieges" gegen den Westen wird auf insgesamt 1100 Personen geschätzt.

Freilich sind darunter auch die klassischen "Schläfer", die bislang nie in Erscheinung getreten sind, ihre wahre Identität erfolgreich verschleiern konnten und nur darauf warten, ihre Tarnung abzustreifen. Die Hoffnung der Sicherheitsbehörden: Aktivitäten so gründlich im Blick zu behalten, dass auch bislang Unerkannte dann sichtbar werden, wenn es an die konkrete Anschlagsplanung geht – und rechtzeitig festgenommen werden können. Vor allem dank internationaler Zusammenarbeit wie in Duisburg.

 
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