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Mein Tierisches Revier
Wie ein Vater mit seinen Kindern

Mein Tierisches Revier: Wie ein Vater mit seinen Kindern
Roland Edler mit zwei seiner Schützlinge im Delfinarium des Zoos. FOTO: Zoltan Leskovar
Duisburg. Roland Edler ist Revierleiter im Delfinarium. Er ist Tiertrainer, Techniker, Scheibenputzer, Show-Master und Forscher in einer Person. Von Hildegard Chudobba

Die Delfindame streckt ihre Schnauze aus dem Wasser, als Roland Edler am Beckenrand stehen bleibt. Ach wie nett, sie will ihren Pfleger begrüßen! Doch Edler ahnt es schon und geht ein paar Schritte zurück:. "Achtung, es könnte nass..." - die Warnung kommt zu spät für die Autorin dieser Zeilen, die nicht nass wird, sondern einen Guss abbekommt, der dem von fünf Minuten duschen ähnelt.

Reges Treiben bei der Fütterung der Delfine von Hand. FOTO: apr

Woher hat er nur gewusst, was gleich passiert? Edler lacht: "An den Augen, in denen hat es geblitzt." Seit 33 Jahren widmet sich der Duisburger den Delfinen. Vom Zoo-Lehrling (bei anderen Tieren) brachte er es bis zum Revierleiter im Delfinarium. Mit seiner Erfahrung entgeht dem 49-Jährigen nichts, was im Delfinarium passiert. Auch wenn Delfine keine Mimik haben, er sieht es und spürt, wie es ihnen geht.

Unzählige Stunden hat er abseits seines Arbeitsalltags schon bei seinen (derzeit neun) Schützlingen verbracht, darunter viele, viele Nächte. Delfinpfleger ist kein Beruf für Menschen, die sich strikt an festgeschriebene Arbeitszeiten halten. Wenn seine sensiblen Schützlinge ihn brauchen, ist er zur Stelle. "Es ist für mich Beruf und größtes Hobby zugleich", bekennt Edler, der zuhause mindestens 200 Fachbücher über Delfine im Schrank stehen (und aufmerksam gelesen) hat und dem Tierfilme, die sich mit Meeressäugern befassen, bekannt sind wie anderen Fernsehserien über Herz, Schmerz und dies und das. Wenn er in Urlaub fährt, dann meist dorthin, wo er seinem Hobby-Beruf frönen kann.

Delfine, so sagt er, haben ihn von Kind an fasziniert. Seine Muter hatte auf der Hansastraße in Duissern ein Zoofachgeschäft, das für ihren Sohn fast ein zweites Zuhause war und in dem zum Beispiel der damalige Zoodirektor Dr. Wolfgang Gewalt schon mal vorbei schaute. Als Roland Edler ein Praktikum bei den Delfinen machen konnte, ging für ihn ein Traum in Erfüllung. Während der Lehre zum Tierpfleger mistete er am laufenden Band Gehege aus, manikürte den Elefanten die Fußnägel und schnitt das Futter der Kolibris in Minigröße. Zahlreiche Tierarten lernte er in dieser Zeit kennen. Doch zu den Delfinen kam er erst, nachdem er nach der Lehre in den Zoo Wuppertal gewechselt war und zum Wehrdienst einberufen wurde.

In der Kantine der Kaserne traf er eines Tages einen ehemaligen Duisburger Zoo-Kollegen, der ihm erzählte, dass in Kürze eine Stelle im Delfinarium frei werde. Edler zögerte nicht eine Sekunde, bewarb sich, ohne dass dieser Job schon ausgeschrieben gewesen wäre, und kehrte an den Kaiserberg zurück - und zwar zu den Delfinen.

Dass sie seine "Lieblingstiere" sind, würde er so nie sagen, "weil ich alle Tiere mag". Doch wer sich mit ihm unterhält, der spürt ganz schnell die enge Verbundenheit zwischen ihm und den Meeressäugern. Und wer ihn in den Vorführungen erlebt, der wird davon überzeugt sein, dass da ein liebevoller Vater mit seinen Kindern spielt.

Zweimal pro Tag - im Sommer drei mal, sonntags sogar fünf Mal - zeigen die Tiere, was ihnen Edler und seine Kollegen beigebracht haben. Die Delfine sind positiv konditioniert, das heißt, Fehler werden niemals bestraft, geglückte "Kunststücke" immer belohnt.

Wichtigstes Utensil ist neben dem Belohnungs-Hering die Pfeife, auf deren hohe Töne die Tiere reagieren. Die Betreuung und Beschäftigung der derzeit neun Delfine während der Vorstellungen macht den kleinsten Teil seiner Arbeit aus, die sich Edler mit zwei Kollegen teilt sowie mit zwei Pflegern, die bei Bedarf aus anderen Revieren zur Verstärkung kommen.

Zu den Aufgaben gehört die Wartung der aufwendigen Filter und technischen Wasseraufbereitungsanlagen. Weil das Salzwasser nicht eine Spur von Chlor enthält, wachsen im Becken immer wieder Algen, die Edler und seine Mitarbeiter bei Tauchgängen vom Boden kratzen müssen.

Sie hegen und pflegen die Tiere, wenn sie gesund sind und noch viel mehr, wenn ihnen etwas fehlt. Was im Spiel antrainiert wird, ist oft Voraussetzung dafür, dass die Tierärztin sie bei Bedarf untersuchen kann. Außerdem haben die Delfine gelernt, nichts zu fressen, was ins Wasser fällt. "Alles, was darin herumschwimmt und da nicht hingehört, liefern sie bei uns ab - gegen einen Fisch", sagt Edler und lacht: "Wenn im Herbst durch die Dachfenster Blätter ins Wasser fallen, dann können das schon ziemlich viele Fundstücke sein."

Roland Edler hält seine Delfine nicht für überdurchschnittlich intelligent, wohl aber für sehr sensibel und sozial. "Sie achten aufeinander, in der freien Natur genau so wie hier bei uns", sagt er. Und sie erziehen sich auch gegenseitig und machen im Wasser ihr eigenes Programm. Wie auf Bestellung gleitet Delfinmann Ivo auf den Beckenboden und spielt "Toter Mann". Er lässt sich von einem seiner Kinder anstupsen, das danach wahre Freudensprünge im Becken macht. "So benehmen sie sich auch in der freien Natur", weiß Edler und erzählt, dass er im Ozean beobachtet hat, wie sich Mutter und Kind dort verhalten. "Wie bei uns haben sie sehr viel Körperkontakt und scheinen sich immer wieder gegenseitig zu streicheln."

Wegen seiner langen Erfahrung ist es für Roland Edler völlig klar, dass weder er noch seine Kollegen jemals diese Zweisamkeit stören würden, schon gar nicht in den ersten Wochen nach der Geburt, wenn sich Mutter und Kind noch in einem separaten Bereich des Delfinariums aufhalten. Weil er videoüberwacht ist, schauen Edler und seine Kollegen anfangs Tag und Nacht auf den Monitor, um sicher zu sein, dass das Jungtier zum Atmen an die Wasseroberfläche kommt, regelmäßig bei der Mutter trinkt, sich normal bewegt und dass es keine Anzeichen von Krankheiten zeigt. Sie bleiben nicht nur auf Distanz, damit Mutter und Kind ihre Ruhe haben, sondern auch, damit keine Viren und Bakterien ins "Kinderzimmer" gelangen können, was für die Delfinbabys tödlich enden könnte. Früher war nicht bekannt, dass die Jungtiere erst einige Wochen nach der Geburt ein eigenes Immunsystem aufbauen. Wie sollte man dies bei freilebenden Delfinen auch herausfinden?

Edler ist Techniker, Scheibenputzer, Delfintrainer, Meeressäuger-Forscher und Schau-Moderator in einem und damit sehr glücklich. "Es klingt immer so banal, aber ich gehe wirklich jeden Tag mit Freude zu meinem Arbeitsplatz." Wer ihn mit seinen "Kindern" erlebt, wird daran nicht den Hauch eines Zweifels haben.

Quelle: RP
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