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Duisburg
Zeit des fast illegalen Helfens ist vorbei

Duisburg: Zeit des fast illegalen Helfens ist vorbei
Im Petershof werden regelmäßig Sprechstunden für nicht Krankenversicherte abgehalten. Ab Januar 2017 wird dies von der Malteser Migranten Medizin (MMM) übernommen. FOTO: Armin Fischer
Duisburg. Die Malteser übernehmen vom Petershof in Marxloh die Notfallsprechstunde für Patienten ohne Krankenversicherung. Pater Oliver Potschien ist froh über diese Lösung. Malteser eröffnen neue Praxis im Januar auf der Münzstraße. Von Peter Klucken

Die medizinische Versorgung für Menschen ohne Krankenversicherung, die das katholische Sozialpastorale Zentrum Petershof in Marxloh seit zwei Jahren auf ehrenamtlicher Basis betreibt, wird ab Januar von der Malteser Migranten Medizin (MMM) übernommen. - Das wurde gestern vor einer großen Zahl von schreibenden und filmenden Journalisten im Vorraum der Marxloher Kirche verkündet. Pater Oliver Potschien, der den Petershof leitet, sprach von einer "guten Nachricht"; ebenso Dr. Anne Rauhut, die ärztliche Leiterin dieser beispiellosen Initiative, bei der insgesamt sieben Ärzte und viele andere Helfer ehrenamtlich mitarbeiten.

Die Malteser werden demnächst auf der Münzstraße in der Duisburger Innenstadt die bundesweit 17. Praxis der MMM eröffnen. In dieser Notfallpraxis finden Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus und Menschen ohne Krankenversicherung einen Arzt, der die Erstuntersuchung und Notfallversorgung bei plötzlicher Erkrankung oder Verletzung übernimmt. "Wir reagieren mit dem Aufbau eines neuen Standortes auf die Vielzahl von Zuwanderern in Duisburg, die immer wieder Probleme bei der medizinischen Versorgung im Regelsystem haben, weil sie oft nicht krankenversichert sind", sagt Benjamin Schreiber, stellvertretender Diözesangeschäftsführer der Malteser im Bistum Essen.

Hatten gute Nachrichten (v.l.): Benjamin Schreiber (Malteser), Dezernent Ralf Krumpholz, Ulrich Lota (Bistum Essen), Dr. Rauhut, Pater Oliver. FOTO: reichwein

Pater Oliver Potschien schilderte gestern anschaulich die Problemlage: "Anfangs war ich fassungslos darüber, dass viele Menschen keine ärztliche Versorgung bekamen, weil sie keine Krankenversicherung vorweisen konnten. Dass so etwas in einem reichen Land wie Deutschland überhaupt möglich ist, habe ich zunächst kaum glauben können, ich hielt es für ein Missverständnis." Aber er sei durch die tägliche Praxis entsprechend belehrt worden. Daraufhin habe er die Ärztin Dr. Anne Rauhut angesprochen, die in einem Arbeitskreis für den christlich-islamischen Dialog engagiert ist. Die habe ehrenamtlich eine Sprechstunde angeboten, zu der anfangs drei Patienten gekommen seien. Das Angebot habe sich schnell herumgesprochen. Es seien immer mehr unversicherte Patienten gekommen; an einem Donnerstag seien es 164 gewesen. Nach und nach hätten sich sechs weitere Ärzte bereiterklärt, ohne Entgelt Patienten zu untersuchen. Trotz dieses ehrenamtlichen Engagements habe man immer nur in einem Provisorium arbeiten können. Immer sei man auf den guten Willen von ärztlichen Kollegen und Krankenhäusern angewiesen gewesen. Die Versorgung der Kranken sei nur möglich gewesen, weil die Helfer bisweilen "am Rande der Legalität" agierten (so Dr. Rauhut), um Medikamente zu besorgen und die zwingende Aufnahme in Krankenhäusern zu erreichen. "Ich habe mir bei meinen Kollegen nicht immer Freunde gemacht", sagte Frau Dr. Rauhut gestern. Sie ist froh, dass die medizinische Versorgung ab Januar dank der Malteser in geregelten Bahnen stattfinden kann. Benjamin Schreiber kündigte an, dass die Malteser demnächst auch einen Zahnarzt und einen Kinderarzt ins medizinische Team holen möchten, das insgesamt neun oder zehn Ärzte umfassen soll, wobei die bislang im Petershof ehrenamtlichen Ärzte auch an der Münzstraße mithelfen werden.

"Die Stadt Duisburg kann nur beschränkt bei der Versorgung der Patienten ohne Krankenversicherung helfen", sagte gestern Gesundheitsdezernent Dr. Ralf Krumpholz. Er ließ durchblicken, dass er sich als Vertreter der Stadt vom Bund bei dieser Frage im Stich gelassen fühlt. Die Stadtverwaltung werde sich bemühen, die bislang unversicherten Patienten regulär zu versichern. Das soll mit der Einrichtung einer so genannten Clearingstelle gefördert werden.

Die Zahl der Menschen in Duisburg, die nicht krankenversichert sind, schätzt Pater Oliver Potschien auf 16.000.

Quelle: RP
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