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Zum Tode Götz Georges
Schimi und die unantastbare Stadt

Bilder aus dem Leben von Götz George
Bilder aus dem Leben von Götz George FOTO: dpa
Duisburg. Götz George hat mit seiner Rolle als Schimanski Duisburg zu zweifelhaftem Ruhm verholfen. Unser Autor aber entdeckte mit der "Tatort"-Reihe seine Stadt, seinen Stolz. Denn Schimanski ließ nichts kommen auf diese Stadt.  Von Ulrich Schwenk

Als meine Geburt kurz bevorstand, 1968, hat mein Vater eine fatale Entscheidung getroffen: Er fuhr mit meiner Mutter nach Norden über die Stadtgrenze nach Dinslaken, zum evangelischen Krankenhaus. Deshalb bin ich in Dinslaken geboren, obwohl wir in Duisburg wohnten, wo ich dann aufgewachsen, zur Schule und zur Uni gegangen bin.

Ich bin kein gebürtiger Duisburger, das nagt ein wenig. Ein stolzerer Duisburger als ich kann trotzdem niemand sein. Und das hängt auch mit Horst Schimanski zusammen.

Zitate: "Ich habe mich nicht verbiegen lassen."

Bis zum 28. Juni 1981, als "Duisburg-Ruhrort" im Fernsehen lief, war Duisburg nur irgendeine Stadt für mich, gesichtslos, formlos, unfassbar. Ab diesem Sonntag im Juni wurde sie zu meiner Stadt. Es muss wohl so sein, dass man seine Welt erst durch andere Augen wirklich wahrnimmt und sich plötzlich zu Hause fühlt.

Hier schaute nun also die ganze Nation auf diese Stadt, sah all das Gewöhnliche, Verbaute, Dreckige, Schummrige, Hässliche, Schwarze. Sah Schimi in der Unterführung von der Königsstraße zur Münzstraße (die es längst nicht mehr gibt), Schimi bei Peter Pomm an der B8 in Marxloh (auch nicht mehr), in all den Hochfelder Hinterhöfen, den Ruhrorter Kneipen, dauernd im Hafen, vor Industriekulissen, nur ganz, ganz selten in hübscheren Gegenden. Und die Duisburger schrien auf, fühlten ihre Stadt falsch dargestellt, während alle anderen ihr Bild vom Ruhrgebiet fabelhaft bestätigt fanden.

Und ich? Entdeckte mit diesem fluchenden, schmuddeligen, saufenden, fressenden, hinlangenden Kerl, den der großartige Götz George mit dieser unendlichen Lust am Derben und Herzhaften darstellte – mit ihm und dank ihm – Duisburg. Entdeckte meinen Stolz. Denn er ließ nichts kommen auf diese Stadt. Er war wie diese Stadt. War ne ehrliche Haut. War der Underdog, den nicht scherte, wie die anderen höhnten und hetzten. Schämen, weil man im Pott lebte, sich hier am rechten Platz fühlte? Pah! Schimanski war Duisburger mit breiter Brust. War Schutzpatron. Und machte die Stadt auf ewig unantastbar für mich.

Reaktionen : "Der Himmel ist um einen ganz starken Charakter reicher"

Nun ist es nicht so, dass alle Schimanski-"Tatorte" tolle Krimis gewesen wären. Und auch Götz George war nicht immer auf der Höhe, er übertrieb, prollte im Übermaß. Ich denke, wenn kein Regisseur ihm auf die Finger haute, ging sein Ego gerne mit ihm durch. Aber es gibt auf jeden Fall diese eine Folge, die ich unzählige Male gesehen habe, und in der die Niedertracht der Figuren mich immer wieder fassungslos macht und das Ende – eines der schönste Filmenden aller Zeiten – mich jedes Mal aufs Neue zu Tränen rührt: "Schwarzes Wochenende" von 1986, der einzige Schimanski-"Tatort" von Dominik Graf, mit dem George später in Düsseldorf den Meilenstein "Die Katze" drehte. Der WDR hat "Schwarzes Wochenende" sogar als DVD herausgebracht.

Vielleicht ist es, weil die Brutalität und Gleichgültigkeit, die Freude am Quälen in dieser Geschichte zweier Familien so groß sind; vielleicht, weil George so wunderbar mitfühlen lässt, wie trostlos es ist, zu fassen, wen man nicht fassen will. Vielleicht also liegt es genau daran, dass dieser dann so zärtliche Schluss mir immer wieder das Herz aufgehen lässt. Es kann sein.

Schimanski - historische Bilder von den Drehorten FOTO: RP-Archiv

Schimanski ist noch auf dem Revier, seine Freundin kommt nur Versöhnung zu ihm, fragt durch eine Scheibe hindurch: "Stör ich, hassde was zu tun?" Und darauf er, ungläubig erst, dann liebevoll und froh und ach so sanft, wie man es besser gar nicht spielen kann: "Nee, du, ich, äh . . . ich hab Zeit." Und dann fährt er mit dem Zeigefinger übers Glas, und sie kommt mit der Nase dazu. Und dann ist Schluss.

Götz George ist tot. Schimanski. Mein Führer durch die unantastbare Stadt. Ein schwarzes Wochenende ist nichts dagegen.

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