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Serie Duisburger Geschichte Und Geschichten
Zunächst kam das Berufsverbot ...

Duisburg. Das Schicksal von Sally Kaufmann, Stiefvater des Schriftstellers Walter Kaufmann, zeigt, wie sich die Rassegesetze und die Rassenverfolgung in Duisburg auswirkten. Im Kultur- und Stadthistorischen Museum sieht man davon einen Ausschnitt. Von Harald Küst

Dr. Sally Kaufmann, geboren am 5. März 1886 in Duisburg, Abitur am Steinbart-Gymnasium, Jurastudium, Träger des Ehrenkreuzes für Frontkämpfer, in Duisburg als Rechtsanwalt und Notar tätig, ermordet 1945 in Auschwitz, so die nüchtern-traurige Kurzbiografie. Die Ausstellung "Jüdisches Leben in Duisburg von 1918 bis 1945" im Kultur- und Stadthistorischen Museum zeigt, dass viele akademisch gebildete deutsche Juden sich tief in der Tradition und Kultur ihres Heimatlandes und ihrer Heimatstadt Duisburg verwurzelt fühlten. Sie glaubten sich als jüdische Deutsche vor Verfolgung sicher. Eine tragische Fehleinschätzung.

Diskriminierung und Entrechtung traf in Duisburg auch die jüdischen Juristen. Die Atmosphäre in Duisburg nach der Machtergreifung 1933 spiegelte ein Bericht der Nationalzeitung wider: .... " gegen 10 Uhr drangen Demonstranten spontan in das Gebäude des Landgerichts ein und durchzogen die Korridore mit lauten Protestrufen, in die sich immer wieder die Forderung mischte: "Juden heraus!" .... Einzelne, darunter auch Rechtsanwalt Dr. Kaufmann, wurden durch die sich immer mehr vergrößernde Menschenmassen aus den Sitzungssälen gefegt." Die historische Wahrheit lautet, dass ein erheblicher Anteil der Duisburger Bevölkerung derartige Aktionen tolerierte bzw. unterstützte - oder wegsah. Die Diskriminierung und Ausgrenzung begann bereits vor 1935; unmittelbar nach der Machtergreifung 1933.

Parallel zu den antijüdischen Demonstrationen und Boykottaufrufen schaffte der NS-Gesetzgeber schnell und effizient die Gesetzesgrundlagen zur "Wiederherstellung des Berufsbeamtentums". Alle "nichtarischen" Richter und Beamte verloren ihre Anstellungen im öffentlichen Dienst. Weiter ging es Schlag auf Schlag. Neben den Beamten im öffentlichen Dienst gerieten die Notare und Rechtsanwälte in das Visier der NS-Gesetzgebers. Am Abend des 15. Septembers 1935 verabschiedete der Deutsche Reichstag in einer Sondersitzung einstimmig die Nürnberger Rassengesetze, mit der die Diskriminierung der deutschen Juden durch Regierung und Behörden weiter verschärft wurde. Das Rassegesetz war ein weiterer Meilenstein zur Entrechtung der jüdischen Juristen. Dem Rechtsanwalt und Notar Dr. Sally Kaufmann wurde mitgeteilt, dass er aufgrund des Paragrafen 3 des Reichsbürgergesetzes in Verbindung mit Paragraf 4 Abs.1 der ersten Verordnung dazu vom 14. November 1935 aus seinem Amt als Notar ausgeschieden sei.

Wortlaut der Verordnung: "Ein Jude kann nicht Reichsbürger sein. Ihm steht ein Stimmrecht in politischen Angelegenheiten nicht zu; er kann ein öffentliches Amt nicht bekleiden." Drei Jahre später wurde ihm laut Reichsbürgergesetz fünfter Verordnung vom 27 9.1938 auch der Status als Rechtsanwalt entzogen. Etwa 25 Prozent der zugelassenen Rechtsanwälte verloren in dieser Zeit ihre berufliche Existenz, weil sie Juden waren. Dr. Sally Kaufmann durfte sich nur noch "Konsulent" nennen, zugelassen nur zur rechtlichen Vertretung Beratung und Vertretung von Juden.

Einige jüdische Juristen konnten noch rechtzeitig fliehen. Dazu gehörte der Rechtsanwalt Dr. Harry Epstein. Er war Teilhaber des Kaufhauses der Fa. Cohen & Epstein. Das Kaufhaus wurde am 27. Juli 1935 "arisiert" und ging in den Besitz der Firma Fahning (heute befindet sich dort der "Knüllermarkt") über. Epstein gehörte in Duisburg zu den führenden Zionisten. Er und seine Familie fanden rechtzeitig Zuflucht in Palästina.

Dr. Sally Kaufmann blieb. Immerhin gelang es ihm 1939, seinen damals 15-jährigen Adoptivsohn Walter nach England in Sicherheit zu bringen. Dr. Sally Kaufmann blieb mit seiner Frau in Duisburg. Damit war das Schicksal des Ehepaares besiegelt. Die wenigen noch in Duisburg verbliebenen Juristen hatten ab 1942 keine Möglichkeit mehr, das Land zu verlassen. Als die "Endlösung" am 20. Januar auf der Wannsee-Konferenz beschlossen wurde, folgten verstärkt die Judendeportationen.

Am 25. Juli 1942 (Transportnummer VII/2; Gestapo-Bereich Düsseldorf) ging ein weiterer Transport nach Theresienstadt ab. Mit diesem Transport war die jüdische Gemeinde in Duisburg praktisch ausgelöscht.

Unter den 147 Deportierten aus Duisburg befand sich auch Dr. Sally Kaufmann mit seiner Ehefrau und der Duisburger Rabbiner Dr. Neumark. Der Sonderzug Da71 erreichte am 26. Juli 1942 das Ghetto Theresienstadt im heutigen Tschechien. Am 28. Oktober 1944 wurden Dr. Sally Kaufmann und seine Frau von Theresienstadt nach Auschwitz deportiert, wo sie ermordet wurden.

Quelle: Nießballa / Keldungs - 1933-1945 -Schicksale jüdischer Juristen in Duisburg. Die Ausstellung im Kultur- und Stadthistorischen Museum kann noch bis zum 31. Januar besichtigt werden.

Quelle: RP
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