| 00.00 Uhr

Duisburg
"Zwillingsbruder" von Lehmbruck

Duisburg: "Zwillingsbruder" von Lehmbruck
Dr. Gottlieb Leinz entdeckte dieses Bild mit dem Mord-Motiv auf der Rückseite des Gemäldes "Paar am Tisch" von Otto Mueller, das zu den wertvollsten Werken des Lehmbruck-Museums gehört. Das Gemälde-Duo ist ein Kunstschatz. FOTO: Probst, Andreas
Duisburg. Am Donnerstagabend wird im Lehmbruck-Museum eine umfassende Ausstellung zum "Brücke"-Maler Otto Mueller (1874 – 1930) eröffnet. Auf der Rückseite eines berühmten Paar-Bildes wurde ein anderes Gemälde, das einen Mord zeigt, entdeckt. Von Peter Klucken

Das Lehmbruck-Museum braucht dringend positive Schlagzeilen. Nach der zeitweisen Schließung des Hauses wegen Schäden an der Deckenkonstruktion, dem Bekanntwerden des enormen Renovierungsstaus mit Kostenschätzungen von mehr als acht Millionen Euro, nach den umstrittenen Verkaufsplänen von Giacomettis Skulptur "Das Bein" und nach Spekulationen um die generell höchst angespannte, gar bedrohliche finanzielle Lage des Hauses gibt es nun in der Tat Erfreuliches zu berichten:

Heute Abend, 19 Uhr, wird im Lehmbruck-Museum eine Ausstellung eröffnet, die das Werk von Otto Mueller (1874 bis 1930) umfassend und kunsthistorisch überzeugend eingeordnet, vorstellt. "Einfach. Eigen. Einzig" ist das Motto der Schau, das den Wegbereiter der Künstlergruppe "Die Brücke" auf zum Teil ganz neue Weise interpretiert.

Die Ausstellung wurde von Dr. Hans-Dieter Mück konzipiert. Mück ist Vorsitzender der Otto-Mueller-Gesellschaft und der wohl beste Kenner des Künstlers, der als einer der wichtigsten Vertreter des Expressionismus gilt. Große Teile der Ausstellung, die nun bis zum 24. Februar im Lehmbruck-Museum gezeigt wird, waren zuvor in den Kunstsammlungen Zwickau und der Kunsthalle Vogelmann in Heilbronn zu sehen. Die Duisburger Mueller-Ausstellung ist aber noch umfangreicher als die der vorigen Stationen. Vor allem können hier wichtige Vergleichswerke mit ausgestellt werden.

Nirgendwo kann besser als in Duisburg die These von Hans-Dieter Mück veranschaulicht werden, dass Otto Mueller und Wilhelm Lehmbruck künstlerisch wie "Zwillingsbrüder" verstanden werden können. Mueller hatte, so Mücks These, immensen Einfluss auf die Formensprache Wilhelm Lehmbrucks, der mit schlanken, gelängten Gliedmaßen die menschliche Gestalt poetisierte und dramatisierte. Doch während Mueller vorzugsweise selbstbewusste Frauen- und Mädchenakte malte, die sinnenfroh in freier Natur das Leben genießen, schuf Lehmbruck Ikonen der Innerlichkeit, deren melancholische Anmut kein anderer Künstler jemals erreicht hat.

Allerdings darf man Mueller nicht vorschnell mit Etiketten versehen, wie es lange Zeit geschehen war, als man ihn kurzerhand und nicht immer politisch korrekt als "Brücke-Maler" und "Zigeuner-Mueller" verortete oder gar abstempelte. Bei Otto Mueller gibt es noch viel zu entdecken. Und das ist wörtlich gemeint: Dr. Gottlieb Leinz, der langjährige stellvertretende Direktor des Lehmbruck-Museums, der die Otto-Mueller-Ausstellung für Duisburg kuratierte, war bei einer dieser Entdeckungen selber dabei. Auf einen Verdacht hin entfernte er die Schutzpappe auf der Rückseite des berühmten Otto-Mueller-Gemäldes "Paar am Tisch", das sich seit Jahrzehnten im Besitz des Lehmbruck-Museums befindet. Man kann sich Leins freudige Überraschung vorstellen, als er dort auf das Gemälde "Der Mord" stieß, dessen Motiv Mueller auch in Grafiken gestaltet hatte. Das Lehmbruck-Museum besitzt also gleich zwei wertvolle Mueller-Gemälde, wobei "Der Mord" nicht nur auf der Rückseite gemalt wurde, sondern auch auf dem Kopf, wenn man das nun auf einem Gestell präsentierte Gemälde-Duo umkreist. Für Gottlieb Leinz ist die Mueller-Ausstellung der endgültige Abschied vom Lehmbruck-Museum als Kurator. Ein schöner Abschluss.

Kunsthistorisch kann die Duisburger Ausstellung dazu beitragen, den Künstler Otto Mueller neu zu bewerten. Interessant ist beispielsweise, dass sich der Avantgardist auch am Werk alter Meister wie Lucas Cranach d.Ä. schulte. Sogar die Kunst der Alten Ägypter inspirierte ihn. Mueller malte eine Zeitlang mit Leimfarben auf Rupfen, einem Jutestoff, der für ungewöhnliche Effekte sorgt. Aber auch wer keine wissenschaftlichen Ambitionen hegt, wird sich von dem Werk Muellers angezogen fühlen, der keineswegs ein "Farbexplodierer" war, sondern behutsam mit meist wenigen Grundfarben arbeitete.

Hans-Dieter Mück, fasst seine jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Künstler so zusammen: "Otto Mueller hat uns ein zeitloses und dennoch höchst aktuelles Werk hinterlassen, das es in originärer Darstellungs- und Malweise, von höchster künstlerischer Qualität mit unvoreingenommenem Blick ganz neu zu entdecken gilt."

(RP/rl)
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Duisburg: "Zwillingsbruder" von Lehmbruck


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.