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Hüthumer Geschichten (Teil 10)
100 Liter Korn pro Woche im Lindhorst

Hüthumer Geschichten (Teil 10): 100 Liter Korn pro Woche im Lindhorst
Das landwirtschaftliche Gebäude aus dem Jahre 1870, in dessen Vorderhaus neben den Wohnräumen auch eine Schankwirtschaft eingerichtet war, bot, umgeben von Weiden mit grasenden Tieren und dem Baumgarten, ein typisch niederrheinisches Bild. FOTO: privat
Emmerich. Die alte Hofschaft war schon 1870 eine Schankwirtschaft. Durch den Neubau der Wildbrücke kehrten die Ausflügler zurück. Von Norbert Loose und Monika Hartjes

HÜTHUM An einer kleinen Wildbrücke, über die der Weg ins benachbarte niederländische Stokkum führt, erhebt sich links in Hochwasser geschützter Lage die alte Hofschaft Lindhorst, die sich nach wechselvoller Geschichte damals im Eigentum der Familie Hermann Reyers befand.

Das landwirtschaftliche Gebäude aus dem Jahre 1870, in dessen Vorderhaus neben den Wohnräumen auch eine Schankwirtschaft eingerichtet war, hatte im Verlauf der Historie wesentlich ältere Gebäude, teilweise aus dem 16. Jahrhundert, abgelöst und bot, umgeben von Weiden mit grasenden Tieren und dem Baumgarten ein typisch niederrheinisches Bild. Vor dem Haus luden bei schönem Wetter Tische und Bänke zum Verweilen ein.

Die Gastwirtschaft war unter anderem ein wichtiger Stationspunkt für viele Erwerbstätige, die aus den niederländischen Ortschaften über die Lindhorstbrücke zur Arbeit nach Hüthum oder Emmerich wanderten. Viele Ziegelei- und Landarbeiter unter ihnen gingen sommertags barfuß mit geschulterten Klompen zur Arbeit, um die Holzschuhe zu schonen. Die weichen Sandwege erlaubten solche "Sparmaßnahmen", doch am täglichen Schnaps wurde niemals gespart. Heute darf verraten werden, dass die tägliche Einkehr dieser "Wanderarbeiter" allein schon über 100 Liter Kornumsatz pro Woche für die Familie Reyers einbrachte.

Im Jahr 1930 erwarb Familie Schlüter das Anwesen und führte die Schankwirtschaft neben der Landwirtschaft weiter bis ins Kriegsjahr 1943. Politische Druckmittel jener Zeit führten letztlich zur Aufgabe dieser beliebten Schankwirtschaft und man widmete sich ganz dem Ackerbau und der Viehzucht. So fiel die Lindhorst nach der Sprengung der Wildbrücke im Jahr 1945 in einen langjährigen Dornröschenschlaf. Die einzigen Gäste waren Grenzsoldaten, die auch schon beim Vorbesitzer Reyers in den Zeiten des ersten Weltkrieges Familienanschluss genossen. Ihnen gewährte auch Familie Schlüter bei allzu garstigem Wetter gerne ein Plätzchen am warmen Herd, um die durchnässten Kleidungsstücke ein wenig aufzutrocknen.

Gerd und Hugo, zwei junge Gutsherren, waren einmal auf der Lindhorst "fürchterlich versackt", wie man so zu sagen pflegte. Sie hatten den Absprung, zeitig nach Hause zu fahren, verpasst. Die beiden Pferde vor der Chaise wurden tüchtig angetrieben, um den Heimweg noch möglichst vor Erscheinen der sonntäglichen Kirchgänger zu schaffen. Doch in der scharfen Kurve bei der Hofschaft Lörks ereilte sie ein großes Malheur. Altbauer Clemens, der schon im Stall bei seinen Tieren war, vernahm plötzlich ein lautes Poltern und Fluchen. Neugierig öffnete er die Stalltüre und konnte sich beim Anblick der Szenerie eines Schmunzelns nicht erwähren. Hugo und Gerd standen beide laut schimpfend bis zum Bauchnabel in der Jauchegrube. Doch für Vater Lörks, der die Situation mit einem Blick erfasst hatte, war weiter nichts Schlimmes passiert, da die Pferde wohlbehalten waren. Er entbot den beiden Jungherren ein freundliches "Guije Morgen, Heere" und begab sich wieder an seine Arbeit.

Inzwischen hat sich durch den Neubau der Wildbrücke 1981 der alte Weg über die Lindhorst wieder belebt, auf beiden Seiten der Landesgrenze erfreuen sich die Wirte des Besuchs von Ausflüglern.

Quelle: RP
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