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Rp-Serie Hüthumer Geschichten (teil 2)
"Äs et niet rägend, dann dröpt et"

Rp-Serie Hüthumer Geschichten (teil 2): "Äs et niet rägend, dann dröpt et"
Ein Tisch, ein Stuhl, eine Armbrust. Heute ist das Vogelschießen deutlich professioneller. Der Spannung schienen die Umstände damals allerdings nicht zu schaden. FOTO: Privat
Emmerich. Henn Reyers und das "Hotel zum deutschen Kaiser". Hier fand das jährliche Schützenfest mitsamt "Himmeltanz" statt. Von Norbert Loose und Monika Hartjes

HÜTHUM Das 1901 erbaute "Hotel zum deutsche Kronprinzen" der Familie Heinrich Reyers lag auf der rechten Seite der Landstraße. Es war ein großes zweigeschossiges Backsteinhaus, dessen Fassade mit auskragendem Gesims unter der Dachrinne und einem stuckverzierten Putzband versehen war, auf dem in stolzem Schriftzug der Name prangte. Im Erdgeschoss befanden sich die Gasträume. Das Hotel war unter anderem aufgrund eines Erlasses der damals königlich-preußischen Regierung erbaut worden, die in jedem Ort eine Übernachtungsmöglichkeit für Reisende verlangte.

Ein besonderes Ereignis war nach dem Krieg die jährliche Fuchsjagd mit traditionellem Reiterball. FOTO: NN

Hinter dem Haus befand sich auf einer geräumigen Wiese ein mittelgroßer Saal, in dessen Verlängerung sich einige Stallungen anschlossen. Hier wurde auch das jährliche Schützenfest gefeiert. Bei gutem Wetter wurde draußen gefeiert, nach dem Königsschuss ging es in den mit frischem Grün festlich geschmückten Saal, wo zu Klängen der Blasmusik Walzer, Polka und Rheinländer getanzt wurde. Besonders beliebt war der "Himmeltanz", bei dem die Tänzer an bestimmter Stelle ihre Damen hoch in die Lüfte hoben, um sie bei der nachfolgenden Landung - die aufgrund des oftmals üppigen Körpergewichtes und in Verbindung mit dem nachlassenden Reaktionsvermögen der weinseligen Tänzer nicht immer gefahrlos war - umso fester in die Arme schließen zu können.

Für die Kinder war der St. Martinstag das wichtigste Ereignis im Jahr. Der Zug endete im Kronprinzen, wo die Kinder kaum ein Ohr für die Worte des Heiligen Mannes hatten, weil dort aufgereiht die Tüten mit den feinsten Leckereien standen. Sogar Gottesdienste wurden hier gefeiert - während der Kirchenrenovierung 1956. Der Wirt "Henn Reyers" oder "Henneke" wie man ihn nannte, war ein "Hans Dampf in allen Gassen". Er besaß unheimlich viel Humor und wusste aus allem das Beste zu machen.

So hatte er neben dem Hotelbetrieb noch viele andere Geschäfte wie den Handel mit Kartoffeln, eine Rollfuhre mit Pferden und später ein Taxiunternehmen. "At et niet rägend, dann dröpt et" - "Wenn es nicht regnent, dann tropft es" war sein Motto. Nach dem Mittagessen pflegte man damals ein Stündchen zu ruhen und der "Baas" überließ das Geschäft den Jüngeren. Als einmal der jüngste Spross den Dienst versah, fragte der Vater nach, ob in der Wirtschaft denn was los sei.

"Jo Vadder! Dor sätte twee ganz vörnehme Heere, sej häbbe all en Flässke Win gedronke, en now hald ek all et tweede", berichtete der Junge, dass zwei vornehme Herren bereits die zweite Flasche Wein trinken wollten. Ob er das notiert habe, fragte Henneke, was der Junior bestätigte. "Jo, jo, Jöngske, äwer schriew et vör de Vörsichtigekeit liewer noch en Kir an", so der Vater. Der Sohn solle es zur Vorsicht noch einmal aufschreiben.

Nach dem Zweiten Weltkrieg, den das Haus glücklich überstanden hat, wurden dort ausgebombte Emmericher Familien einquartiert. Später übernahm Sohn Heinz mit seiner Ehefrau Margret den Betrieb, bis er 1949 verpachtet wurde. Ein besonderes Ereignis war nach dem Krieg die jährliche Fuchsjagd mit traditionellem Reiterball. Als besonderer Service wurde den auswärtigen Reitern die Aufstallung ihrer Pferde angeboten,. Die warteten geduldig das Ende der Feier ab, um anschließend ihre Herren unbeschadet wieder nach Hause zu tragen.

Das Haus "Zum Kronprinzen" steht heute noch an der B8, im Jahre 2001 feierte es sein 100-jähriges Bestehen.

Quelle: RP
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