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Emmerich
Als aus "Gringo" beinahe Hühnchen wurde

Emmerich. RP-Autorin Monika Hartjes erinnert sich an ihre Kindheit zu Ostern. Erst waren die Kaninchen der Schwestern seltsamerweise auf einen Schlag verschwunden - und dann gab es ein ganz besonderes Festtagsessen. Von Monika Hartjes

In meiner Kindheit vor rund 50 Jahren waren die meisten Familien noch Selbstversorger. In unserem großen Garten wuchsen Kartoffeln, Kohl, Möhren, Bohnen und Porree, im kleinen Treibhaus wurden Salat, Gurken und Tomaten gezogen. Fleisch gab es nur äußerst selten, ein Pfund Bratwurst wurde auf alle Personen unserer siebenköpfigen Familie verteilt: die Hälfte bekam Vater Henk, der schließlich das Geld mit nach Hause brachte, das zweitgrößte Stück meine Mutter Corry, die den Haushalt versorgte, und der Rest wurde in fünf gleiche Teile geschnitten für uns Kinder.

Satt essen konnte man sich schließlich an Möhren-, Bohnen- oder Kohleintopf, dicke Erbsen- und Gemüsesuppe. Zu den Festtagen, da gab es aber immer etwas Besonderes: Weihnachten wurde Schweinebraten und zu Ostern "Geflügel" serviert - so glaubten wir es zumindest.

"Wir wollen auch ein Haustier haben", so der einstimmige Tenor von uns Kindern. Ein Hund kam für meine Eltern nicht in Frage. "Am Anfang habt ihr alle Spaß dran und nachher bin ich diejenige, die mit ihm regelmäßig Gassi gehen muss", meinte meine Mutter. Wir bekamen Katze "Miezi", die sich aber als echter Kater entpuppte und viel unterwegs war. Doch dann erlaubte unser Vater uns drei Mädchen Kaninchen.

Im Garten wurde für jedes Langohr ein Stall gebaut und wir hatten fortan etwas zum Streicheln. Natürlich mussten wir auch den Stall selber ausmisten und Futter suchen. Ich stand damals auf Doppelnamen, also hieß mein Kaninchen "Karl-Otto" oder "Heinz-Ulrich", genau weiß ich es nicht mehr. Das meiner Zwillingsschwester Maria hieß Bubi. Unsere kleine Schwester Astrid nannte ihren schwarz-weißen Mümmelmann "Gringo". Sie kümmerte sich sehr intensiv um ihr Tier, brachte ihm geduldig bei, an der Leine zu hoppeln und fuhr das Kaninchen in ihrem Puppenwagen spazieren, was der Hasenmann sich auch gefallen ließ. Während Maria und ich mühevoll Löwenzahn in einem Feld stachen, spazierte Astrid mit Gringo an der Leine zur nächsten Wiese, legte sich ein Buch lesend ins Gras und ließ ihren Hasen in Ruhe grasen.

Plötzlich - kurz vor Ostern - der Schrecken: Als wir morgens vor der Schule nach unseren Tieren sehen wollten, standen alle Stalltüren offen und unsere Kaninchen waren weg! Einfach verschwunden! Wir verdächtigten unsere Brüder, aber die waren es nicht. Wir suchten in der Umgebung, durchstöberten die Gärten der Nachbarn. Als mein Vater eine Mark Belohnung pro Kaninchen aussetzte, verstärkten wir unsere Bemühungen - ohne Erfolg.

Ostern gab es ein leckeres Essen. Gemüse, Kroketten und Geflügel. Wohlweislich wurde das Fleisch in mundgerechte Portionen zerteilt gereicht. Dass das Fleisch etwas dunkler war, als wir es von den seltenen "Hühnchenessen" kannten, und die Beine erstaunlicherweise für alle Familienmitglieder reichten, tat dem Genuss keinen Abbruch. Zum nächsten Herbst bekamen wir neue Mäntel mit Fellkrägen und Mützen aus Fell. Meine Mutter ist Schneiderin und nähte die Sachen selber. Irgendwie sah das Fellmuster mir schon nach "Karl-Otto" aus, aber wer kann im Grundschulalter schon Kaninchenfell von anderem Fell unterscheiden. Dass wir tatsächlich unsere Kaninchen zu Ostern aufgegessen haben und die Felle als Mützen trugen, erfuhren wir erst Jahre später.

Nur Gringo überlebte damals. Mein Vater hatte ihn mit einem Kollegen als Zuchtkaninchen getauscht. Gringo selber fand sein neues Zuhause wohl nicht so schön: Seine erste Aktion war, den neuen Besitzer erst mal so richtig voll zu pinkeln.

Quelle: RP
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