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Rees
Als die Milch noch mit dem Wagen kam

Rees: Als die Milch noch mit dem Wagen kam
Im Schatten der gotischen Kirche und des alten Rathauses pulsierte einst das gesellschaftliche Leben, berichtet Erwin Roos. FOTO: Stadtarchiv Rees
Rees. Erwin Roos wurde 1931 in der Oberstadt geboren. Über die Reeser Geschichte führt er seit vielen Jahren Buch. Gemeinsam mit der RP erinnert sich der Ehrenmajor des Tambourcorps Rees an alte Zeiten. Diesmal blickt er auf Reeser Geschäfte und Originale zurück. Von Michael Scholten

Obwohl Rees vor dem Zweiten Weltkrieg keine 4000 Einwohner zählte, hatten wir fast 20 Lebensmittelläden. Neben fünf Bäckereien gab auch Backstuben in einigen Tante-Emma-Läden. Wer kennt noch die Bäckerei von Pitt Köpp? Sie war dort, wo heute die Pizzeria Adriatico ist, und war bekannt für das köstliche Berliner Brot. Wer kennt noch den Laden von Steinringer auf dem Markt oder von Sodemann in der Fallstraße? Oder Tiggelbeck auf der Emmericher Straße und Grütter, später Knipper, in der Fallstraße, Ecke Kirchplatz? Opsölder an der Weseler Straße war der wohl ersten Reeser Tankstelle angeschlossen. Und in der Kapitelstraße betrieben die Eltern von Heinz Belting einen Lebensmittelladen, in dessen Räumen ihr Sohn später sein Geschäft für Brillen und Uhren eröffnete.

Es gab auch Emma Engel mit ihrem Süßwarenladen. Kaifai verkaufte Kartoffeln und Gemüse in der Kay, Hanne Kipp bot Obst und Gemüse in der Neustraße an. Jeden Sonntag stand unsere Eislegende "de Fussack" mit seinem Eiswagen an der Ecke bei Dresen. Werktags fuhr er mit dem Handwagen durch die Straßen der Stadt, um sein Eis zu verkaufen. Später eröffnete er am Markt eine Eisdiele, ungefähr dort, wo heute die Polizeiwache ist. Auch die Eisdiele wurde beim Luftangriff im Februar 1945 zerstört, ebenso das Werksgelände der Kornbrennerei im Deymannsgässchen. Sie war für ihren "Alten Reeser" bekannt.

Rund um die katholische Kirche gab es vor dem Krieg keine richtigen Straßen. Der Boden war Kirchengrund und reichte bis zu den Häusern. Nur ein schmaler Streifen war mit "Blauköpfen" gepflastert. Fahrzeuge waren auf dem Kirchengrund verboten. Ausnahmen wurden lediglich beim Ein- oder Auszug der Anlieger gemacht.

Als das Reeser Krankenhaus noch eine Entbindungsstation hatte, gab es ein festes Ritual: Der Vater und die Taufpaten holten das Baby bei der Mutter ab, um es in der Pfarrkirche taufen zu lassen. Die Taufe fand immer sonntags nach dem Hochamt statt. Im Anschluss lud der Vater die Paten zu einem Bier in die Gaststätte Bertmann ein. Den Täufling legte man in die "Opkamer" auf den Billardtisch, damit man mit Ruhe das Bier genießen konnte. Der Tisch hatte eine erhöhte Kante, sodass das Kind nicht vom Tisch fiel. Nach zwei bis drei Bieren brachten die Herren das Baby wieder zur Mutter ins Krankenhaus.

Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es Dinge, die heute keine Rolle mehr spielen. Da war der Milchbauer, der morgens mit Pferd und Wagen oder mit dem Dreiradauto die Milch an die Tür brachte. Da war der Kohlenhändler, der das schwarze Gold in den Keller schleppte. Auch Hermann Prust war ein echtes Original. Als Werbefachmann ging er mit der Schelle durch die Stadt und verkündete, wenn Jolly Faber Pferdefleisch im Angebot hatte oder was im Kino lief.

Auch Wissenswertes von der Stadtverwaltung hatte er im Programm. Sogar einen Totenbitter gab es. Er brachte die Todesnachrichten in der Nachbarschaft von Haus zu Haus und nannte den Tag der Beerdigung. Er trug einen schwarzen Mantel oder Umhang und einen Zylinder mit Trauerflor.

Abends, wenn die Dunkelheit einsetzte, war ein Mann der Stadtwerke mit dem Fahrrad unterwegs. Er fuhr jede Gaslaterne an, zog mit einem langen Stab an einem Draht und entzündete so die Straßenbeleuchtung. Donnerstags kamen die Straßenmusikanten. Oft waren sie zu dritt, spielten und sangen die aktuellen Lieder und hofften auf ein paar Geldstücke. Am liebsten gingen sie in die Hinterhöfe, weil dort die Melodien besonders gut zu hören waren und ihnen das Geld von allen Seiten entgegenkam.

Quelle: RP
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