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Erinnerungen Teil Ii
Als wir barfuß über Stoppelfelder liefen

Erinnerungen Teil Ii: Als wir barfuß über Stoppelfelder liefen
Wittenhorst 1942: Familie Köster und Nachbarn vereinzeln Rübenpflanzen. Von links: Mutter Lina Köster (geb. Krebbing), Agnes Kruse, Agnes Gores, Johanna Köster und Vater Heinrich Köster. FOTO: Clemens Reinders
Emmerich. 2012 griff Johanna Köster zur Feder und erzählte vom Landleben in der Bauerschaft Wittenhorst bei Haldern. Gestern haben wir bereits einen Teil veröffentlicht. Heute geht es um die Liebe zu den Tieren und Johannas spätere Berufe. Von Clemens Reinders (Text und Fotos)

Haldern Wie sehr Mensch und Tier in der Landwirtschaft einmal miteinander verbunden waren, beschreibt Johanna Köster sehr anschaulich in ihren "Erinnerungen": "Wir sind die Letzten, die im Sommer - auch über Stoppelfelder - barfuß liefen, die den Erntearbeitern den Vieruhr-Kaffee und dazu einen mit einem Küchentuch ausgelegten Korb voll mit Butterbroten brachten. Für mitarbeitende Pferde lagen dicke Macken Schwarzbrot darin, die wir Kinder den Pferden auf unserer flachen Hand stückchenweise reichten. Wir fühlen noch, wie die Pferde die Brotstücke vorsichtig mit ihren samtweichen Lippen aufnahmen. Stolz waren wir, dass wir dies durften. Und wenn das Pferd seinen Kopf dann noch auf unsere Schulter oder Brust legte, war die Seligkeit komplett."

"Die Liebe zur Schöpfung haben uns die Eltern aber auch durch das Erzählen von ihrem Umgang mit den ihnen anvertrauten Tieren vermittelt", berichtet Johanna Köster: "So erzählte unsere Mutter einmal, dass ihr Vater in Töven als junger Landwirt ein Rind nach linksrheinisch verkauft hatte. Eines Morgens allerdings stand genau dieses Rind wieder vor seiner Stalltüre in Töven. Diese Geschichte hat mir so mancher nicht geglaubt. Aber es ist wahr, dass das Rind vor lauter Heimweh durch den Rhein geschwommen und nach Hause getrottet war. Also damit machte unsere Mutter uns verständlich, wie man Tiere behandeln muss, damit sie einen auch lieben.

Sonntäglicher Besuch bei den Rindern (1957). Von Links: Bruder Hugos Sohn Wilfried, Hugo Köster, Vater Heinrich Köster und Hedwig Köster. FOTO: Clemens Reinders

Muße findet die junge Johanna manchmal, wenn sie im Herbst auf den provisorisch eingezäunten Kleefeldern die Kühe hüten muss. "Ich hatte dann sooo viel Zeit", schreibt sie, "zum Beispiel, um die über mir dahin schwebenden Wolkengebilde als Tiere oder Phantasiegestalten zu deuten. Auch konnte ich Vögel und Käfer beobachten und mehrblättrige Kleeblätter suchen, die Glück brachten."

Aus der bäuerlichen Welt auszubrechen, kommt der jungen Johanna damals nie in den Sinn. Als die Lehrerin in der Volksschule der lernbegierigen Bauerntochter sagt: "Johanna, du wirst einmal Lehrerin!", ist ihre Antwort kurz und entschlossen: "Ne, ek wonn Maid" (= Magd).

Johanna Köster bringt ihre Kaninchen heim (Wittenhorst, 1942). FOTO: Clemens Reinders

In Wirklichkeit kommt es jedoch anders. Nach sieben Jahren Tätigkeit als "ländliche Hausarbeitsgehilfin" auf dem elterlichen Hof schlägt Johanna Köster eine Berufskarriere ein, zunächst als Kauffrau in der Emmericher Schokoladenfabrik Lohmann und später als Arbeitsberaterin beim Arbeitsamt in Wesel. Mit ihrer Schwester Hedwig bereist sie nun die Welt, will Land und Leute studieren, und schaut auf Natur und Menschen genauso wissbegierig, wie sie es schon als Kind getan hat.

Ihre bäuerlichen Wurzeln vergisst sie Zeit ihres Lebens nie. Am Ende ihres Aufsatzes über ihre Kindheit resümiert sie im Jahre 2012: "Wir entbehrten damals wenig oder nichts und waren abends müde und zufrieden. Wir sind die letzten Zeitzeugen, die solche eigenen Erinnerungen haben."

Johanna Köster mit dem Arbeitspferd Meta. Das Foto wurde im Jahr 1940 aufgenommen. FOTO: Clemens Reinders

NACH DEM AUFSATZ: "KINDHEITSERINNERUNGEN AN DAS LANDLEBEN IN DER WITTENHORST" VON JOHANNA KÖSTER (FOTO), HALDERN, 2012. CLEMENS REINDERS FÜHRTE ZUDEM MEHRERE TONBANDINTERVIEWS MIT DER HEUTE 86-JÄHRIGEN.

Quelle: RP
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