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Heimat entdecken in Emmerich
Auf den Spuren des Brotfisches

Heimat entdecken in Emmerich: Auf den Spuren des Brotfisches
Emmerich. In Rees befand sich lange Zeit eine der besten Lachsfangstellen des Rheins. Doch Abwässer, Ölverschmutzung, Auskiesung und Überfischung führten im 20. Jahrhundert zum Niedergang der Salmfischerei.

Als der letzte deutscher Kaiser, Wilhelm II., im Jahr 1881 seine Verlobte Auguste Viktoria heiratete, kam beim Festmahl in Berlin nur das Beste auf die lange Tafel. Darunter auch zwei stattliche Lachse aus Rees. Sie waren in speziell geflochtenen Körben, gekühlt mit Eisstücken, auf die lange Reise in die Hauptstadt geschickt worden. Ohnehin gingen die prächtigsten Lachse, die oberhalb von Rees gefangen wurden, meist an die Herrenhäuser und Luxushotels in ganz Deutschland.

Auf Stromkilometer 834,6 befand sich lange Zeit eine der besten Lachsfangstellen des Rheins. Grund dafür waren die Kiesbänke, die zur Mitte des Flusses hin langsam abfallen und einen geschützten Lebensraum für die Lachse, genannt Salm, boten. Sie wurden meist mit Flachnetzen an langen Stangen gefangen. Ein ausgefahrenes Zegennetz konnte bis zu 200 Meter lang und bis zu acht Meter breit sein.

Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts gab es im Fluss so viele Lachse, dass sie sogar ein verbreitetes Grundnahrungsmittel waren. Allein im Jahr 1885 wurden in Deutschland und den Niederlanden 250.000 Exemplare aus dem Rhein gezogen. In Kölner Herrenhäusern begann das Personal irgendwann zu streiken. Es setzte durch, pro Woche keinesfalls öfter als zweimal mit Lachs beköstigt zu werden.

Jutta Groot-Severt kennt viele solcher Geschichten. Die Reeser Stadtführerin hat ihre Prüfung zum Niederrhein-Guide zum Thema Salmfischerei abgelegt. Dafür hat sie eine eigene Tour namens "Salmo salar L. - Auf den Spuren des ehemaligen Brotfisches vom Niederrhein und seiner Fischer" erarbeitet. Diese wird auf Anfrage als Privattour durchgeführt und umfasst beide Rheinseiten. Die Tour beginnt im Reeser Museum Koenraad Bosman, wo Ölgemälde und ein Stadtmodell Aufschluss über den Beruf der Fischer geben. Mit dem Boot geht es weiter ins sieben Kilometer flussaufwärts gelegene Grieth, dessen Name auf "Gritt", also Kies, zurückgeht.

Im Jahr 1540 wurde Grieth Mitglied im Städtebund der Hanse. Der malerische kleine Ort, der heute zu Kalkar gehört, lebte einst komplett von der Fischerei und Schifffahrt. Direkt am Rheinufer verweilten die Fischer in schlichten Holzhütten von drei mal fünf Metern. Eine Wand trennte den Wohn- vom Schlafbereich, darüber lagerten Taue, Netze und Werkzeuge. Ein Ofen wurde mit Kohle befeuert. Diese Kohle erhielten die Fischer, im Tausch gegen Bratfische, von vorbeifahrenden Schiffern. Der Ofen trocknete die nasse Arbeitskleidung, erlaubte aber auch die Zubereitung von Suppe und Muckefuck. Meist arbeiteten sechs Salmfischer gemeinsam in Tag- und Nachtschichten. Das Leben war hart, der klare Schnaps ein wichtiger Begleiter - natürlich gönnt auch Jutta Groot-Severt ihren Zuhörern eine Kostprobe davon.

Abwässer der Großindustrie, Ölverschmutzung durch moderne Schiffe, zunehmende Abkiesung für den Straßenbau, aber auch Überfischung und Raubfischerei durch Aalschokker führten im 20. Jahrhundert zum Niedergang der Salmfischerei. Im Jahr 1952 wurde nachweislich der letzte Rheinlachs der Art Salmo salar L. aus dem Niederrhein gezogen. Erst 1986 startete die Internationale Kommission zum Schutz des Rheins ein Aktionsprogramm: "Lachs 2020", fortgesetzt im Programm "Rhein 2020", hat das Ziel, das Ökosystem des Rheins so zu verbessern, dass der Lachs und andere Wanderfische spätestens in fünf Jahren neue Wildbestände im Rhein aufbauen können. Offenbar mit Erfolg: Denn bislang wanderten schon mehr als 5000 Lachse aus der Nordsee den Rhein hinauf, um in den Kiesbänken zu laichen.

Mit steigender Wasserqualität und wachsender Artenvielfalt nimmt auch die Zahl der Sportfischer am Rhein wieder merklich zu. "Sie fangen vor allem Rotaugen, Rotfedern und Weißfische", erzählt Jutta Groot-Severt ihren Gästen und freut sich: "Im letzten Jahr biss sogar der erste Maifisch an, der im Rhein schon lange Zeit als ausgestorben galt."

VON MICHAEL SCHOLTEN

Quelle: RP
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