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Emmerich
Auftakt mit "Corpus Delicti"

Emmerich. Mit einem Stück von Juli Zeh startet am Mittwoch die Klever Theatersaison. In ihrer klugen Zukunftsversion ist der perfekte Körper das höchste Gut. Von Matthias Grass

Aus dem Wellnesswahn unserer Tage mit Gesundheits-Apps und Körperstyling ist Gesundheitsterror geworden: Wir schreiben das Jahr 2056 und ein autoritärer Staat kontrolliert die Fitnessbemühungen seiner Bürger. Wer Nikotin in seinen Körper saugt, wird bestraft. Und zwar hart. Wer seinen Körper vernachlässigt ebenso, wer sich Gefühlen hingibt, erst recht. Melancholie wird bestraft, die Menschen werden per Datenchip kontrolliert. Allgemeine körperliche Fitness ist Pflicht. Partnerwahl und Fortpflanzung sind zugunsten von Hygiene und Immunsystem streng geregelt. Auch die Liebe soll keimfrei sein.

Juli Zeh erzählt in ihrem ersten Stück "Corpus Delicti", das als Auftragsarbeit für die Ruhrtriennale entstand, die Geschichte einer Frau, die als kritisch Denkende keinen Platz mehr in dieser Gesellschaft hat. Sie zeigt auf, dass es dem Staat nur vordergründig um die Gesundheit geht und führt vor, wie Totalitarismus funktioniert, wie das hehre Ziel der Gesundheit, dem sich heute schon so viele verschreiben, vorgeschoben wird, um die totale Überwachung und Gewalt gegen den Bürger zu rechtfertigen.

Mia, ihre Hauptfigur, steht vor Gericht. Sie hat nicht genug Kilometer auf ihrem Hometrainer gestrampelt, sie hat geraucht. Ihr Bruder hat sich in Haft umgebracht. Eine Haft, in die er unschuldig geworfen wurde. Mia muss sich rechtfertigen, will ihren Bruder rehabilitieren. Juli Zeh, promovierte Juristin und seit Jahren in den deutschen Bestsellerlisten präsent, stellt mit "Corpus Delicti" die Verhandlung um Mia auf die Bühne, das Landestheater Neuss feierte am Samstagabend Premiere und gastiert am Mittwoch, 14. September, 20 Uhr mit der neuen Inszenierung in der Klever Stadthalle. Das Landestheater hat sich für die Inszenierung des ausgezeichneten Stückes ins Zeug gelegt, das Bühnenbild werde wie eine große Rauminstallation gestaltet, lasse Handlungen auf mehreren Ebenen zu, sagt Frank-Uwe Orbons, Sprecher des Landestheaters. "Das ist ein cooler zukünftiger Raum", sagt er. Zur Inszenierung gehören auch Video-Einspielungen, die Handlungen, Rückblenden aufzeigen oder die Bühne in Licht-Raum-Werke verwandeln sollen. Gestaltet hat die Videoinstallation zum Theater der in Aachen geborene Videokünstler Ludwig Kuckartz. Linda Riebau spielt die Mia, Bettina Jahnke führt Regie.

Mit dem Sieben-Personen-Stück, das 2007 uraufgeführt wurde, startet die Theatersaison in der Klever Stadthalle. In diesem Jahr stehen gleich zwei Gerichtstücke auf dem Programm, zum einen Zehs kluge Zukunftsvision, zum anderen von Schirachs hochaktuelle Auseinadersetzung mit der terroristischen Bedrohung und der Frage nach der Schuld. "Terror" kommt Anfang Dezember nach Kleve. Doch nicht nur die beiden "Prozesse" versprechen anspruchsvolles Theater, mit Schillers Räuber kommt auch der obligatorische Klassiker auf die Bühne.

Wer die leichtere Muse liebt und gerne berühmte Schauspieler auf der Bühne sieht, kann sich schon den 14. November vormerken, dann machen Ilja Richter und Markus Majowski in Kleve Station.

Karten im Vorverkauf im Bürgerbüro, Telefon 02821-84600

Quelle: RP
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