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Emmerich
Bissiges Kabarett vom Feinsten

Emmerich: Bissiges Kabarett vom Feinsten
Der ganz normale Wahnsinn: Innenminister Thomas de Maiziére teilt Friseurin Melanie (r.) am Telefon mit, dass ihr zweijähriger Sohn ein gewaltbereiter Gotteskrieger ist. FOTO: Markus van offern
Emmerich. Beim Kölner Hänneschen-Theater hat jemand die Kiste mit den Idioten aufgelassen. Jetzt belagern die Stockpuppen von Donald Trump, Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin die Bühne und wollen die Welt unter sich aufteilen. Dumm und unbeholfen, wie Stockpuppen nun mal sind, zerplatzt die Erde in tausend Stücke. Von Michael Scholten

Der Sketch aus "Stunk unplugged" war bezeichnend für das dreistündige Bühnenprogramm der "zwölf ehemaligen und aktuellen Stunker" im Emmericher Stadttheater. Denn die jährliche "Stunksitzung" ist seit 1984 ein höchst gelungener Mix aus Narretei und bissig-kabarettistischen Analyse der großen und kleinen Weltprobleme.

Reiner Rübhausen führte mit trockenen Anmoderationen durch den gelungenen Abend, der eigentlich nur eine Frage offenließ: Warum kamen die "Stunker" erst im 33. Jahr ihres Bestehens nach Emmerich? Immerhin gehören der Gruppe, die sich als Kontrapunkt zum organisierten rheinischen Karneval versteht und allein in der letzten Session 55 Mal das Kölner E-Werk füllte, mehrere Niederrheiner an. In Emmerich galt das Ohren- und Augenmerk vieler Zuschauer speziell dem Klever Bruno Schmitz. Das Gründungsmitglied der "Stunksitzung" war 15 Jahre lang Lehrer in Emmerich und Rees, bevor er den Klassenraum 1985 endgültig gegen die Bühne tauschte.

Schmitz rockte den Saal mit einer bäuerlich-rockigen Interpretation von Westernhagens "Sexy", gab den muskelbepackten Wladimir Putin oder brachte Flüchtlinge im Auftrag der Bundesregierung von ihrem Plan ab, nach Deutschland zu reisen: "Deutschland ist ein krisengeschütteltes Land. Helfen Sie uns, diese Zustände nicht zu verschlimmern!" Seinen Vortrag untermalte er mit Bildern vom Oktoberfest, von deutscher Leitkultur und prominenten Opfern von Schönheitsoperationen.

Ob Terrorangst, Flüchtlingskrise, Inklusion, Reichensteuer oder giftige Zusatzstoffe im Essen: "Stunk unplugged" knöpfte sich jedes Thema vor, das die deutsche Seele bewegt, und überspitzte es mit blühender Phantasie. Da konvertierten die Lehrerinnen der städtischen Gesamtschule Emmerich zum Islam und waren ihren Burkas nicht mehr zu unterscheiden. Da wurde der zweijährige Melvin als gewaltbereiter islamistischer Gotteskrieger eingestuft, weil seine Mutter ihm aus "Aladin und die Wunderlampe" vorliest, kein Schweinefleisch kocht und als Hasspredigerin ("Die Sabine von nebenan ist ne dumme Sau") bekannt ist. Und da stellte Dr. Bernhard Grzimek in seiner Sendung "Ein Platz für Tiere" besonders rechtsradikale Arten vor, wie etwa den Dresdner Dummdödel und den haarlosen Neonazi, der sich von Hartz IV und Dosenbier ernährt und zu blöd ist, ein Hakenkreuz zu malen.

Auch Freunde des Karnevals kamen bei "Stunk unplugged" auf ihre Kosten. Eine von Natur aus sechsstündige Prunksitzung wurde meisterlich auf sechs Minuten eingedampft, ohne dass man auf Marie-Luise Nikuta, Bernd Stelter, die Höhner, das Colonia Duett, das Dreigestirn und die roten, grünen oder blauen Funken verzichten musste.

Als die Emmericher dann noch einen Crashkurs in Kölsch ("Die einzige Sprache, die man auch trinken kann") absolvierten und mit dem "Mobilen Einsatzkommando der Kölner Oper" den "Gefangenenchor von Sambuco" anstimmten, war auch Moderator Rübhausen beeindruckt: "Wir waren vorgewarnt: Die Emmericher würden immer ganz cool tun, aber im Innern brodelt es."

Quelle: RP
 
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