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Emmerich
Brennendes Paradies

Emmerich. Die Welt schmeckt nach brasilianischer Zitronenlimonade, nach frischer, lebendiger Luft und nach Regenwald - Moos und Farn und Rinde und jede Menge Grün. Das Grün umgibt mich von allen Seiten, ist überall. Hoch oben flaschengrüne Blätter auf zartblauem Himmel, wie grüne Boote auf endlosem Meer. Da hinten leuchteten smaragdgrüne Farnbüschel wie wertvolle Schätze. Daneben gelbgrüne Lianen, wunderschöne Schlangen um Äste und Felsen und Stämme gewunden, ihre Hälse berühren die olivgrüne Fläche, die sich auszurollen scheint wie ein riesengroßer Teppich, gewoben aus Moos und Gras und Seide in changierendem Grün. Und auf dieser Fläche wachsen Blüten, rot und gelb und violett und hell und groß. Und auf dieser Fläche werden singende Vögel und elegante Panther und regenbogenfarbene Echsen und tanzende Schmetterlinge geboren, die sich emporschwingen, hinauf zu den Baumwipfeln, und der Welt ihren Klang geben. Von Julia Elisabeth Kanning

Und mitten auf dieser Fläche stehe ich, ein Mädchen, viel zu weiß für all das Grün, ich bin ein Fremdkörper in dieser Welt, ein Eindringling, ein ungebetener Gast, der sich nimmt, ohne zu geben. Ich stehe hier und starre ungeniert und mit offenem Mund auf die märchenhaften Pflanzen, die tänzergleichen Schmetterlinge und all die grünen Lebewesen, meine Augen brennen vor Schönheit, ein grünes Feuer in dem Dunkelbraun.

Schönheit verlangt nicht bloß, gesehen, sondern mit allen Sinnen aufgenommen und begriffen zu werden. Für einen Moment schließe ich meine Lider und öffne stattdessen meine Ohren. Ich lausche dem Konzert des Regenwaldes, dem Rauschen des Windes in den Blättern, dazu der raschelnde Farn, glockenhelle Schmetterlingsflügel, die die Luft zum Sirren und Vibrieren bringen. Ich öffne meine Nase, die Nasenflügel wie Torflügel, und durch sie gelangt Duft in mich, süßlich-herber Duft, dampfend und reinigend und tief, er füllt meine Nase und steigt mir zu Kopf und ins Herz. Es beginnt zu klopfen, zu pochen, zu schlagen, es hämmert gegen meine Brust, schneller und fordernder als je zuvor, im Rhythmus des Regenwalds, ich spüre es. Noch nie zuvor habe ich mein Herz gespürt. Jetzt tue ich es. Ich spüre seine Schwere und seine Intensität und seine Wichtigkeit und ich begreife, dass ich mit dem Herz das Leben in mir spüre. Ein Kribbeln auf meiner Haut, ein warmes Prickeln, das in mich eindringt und mich ausfüllt mit warmem Glück und sprudelndem Leben. Ich fühle mich lebendig. Ich bin lebendig. Ich breite meine Arme aus, um das Leben zu umarmen, ich stoße auf kräftiges Holz. Meine Finger fahren die Rillen in der warmen Rinde nach, und ich öffne meine Augen, um den Riesen zu betrachten, den ich streichle. Ein uralter, gigantischer Baumriese, der aus dem Boden in den Himmel geschossen zu sein scheint und unzählige Zweigarme hat, die wild in alle Richtungen reichen und Affen, Schlangen und Faultieren ein Zuhause bieten.

Wie viele Jahre du wohl schon hier wächst und lebst, lieber Baum? Wie viele Sonnen hast du schon aufgehen sehen und wie viele hast du untergehen lassen müssen, lieber Baum? Wie oft schon hast du Tieren Schutz geboten, Schatten gespendet und Nahrung gegeben? Wie viel Luft hast du schon aufgesogen und geatmet, und wie viel Leben hast du schon zurück an den Himmel und an uns Menschen verschenkt?

Lieber, lieber Baum ... Kannst ja doch nicht antworten, ich weiß. Kannst bloß hier stehen und atmen und Zeuge sein und doch kein Wort sagen, keinen Meter fliehen, keine Tat begehen ... Du guter, alter Baum ...

Ich presse meine Brust an seinen Stamm, und mein Herz schlägt gegen seine Rinde. Ich fühle das weiche Holz an mir und höre die Musik der Natur und sehe all das Grün, das von der untergehenden Abendsonne Gold gefärbt wird, und ich fühle mich wie eine Prinzessin inmitten einer lang gesuchten, gut verborgenen Schatzkammer. Ich atme ganz ruhig, tief ein und lange aus, ich will diesen Schatz aufsaugen und behalten. Ich atme. So gut. Irgendwo in der Ferne brüllt ein Puma, iaaa, iaahhh, liaaahhh, Liaaaa. Der Puma brüllt meinen Namen. "Lia!" - der Name und das Ausrufezeichen dahinter durschneiden die Luft wie Messer Lianen. Worte, zu scharf für diese zarte Luft.

"Lia!"

Der Puma klingt wie ... wie ...

"Papa!"

Mein Vater tritt hinter einer gigantischen Pflanze hervor, eine graue Gestalt im Anzug in der Märchenwelt. Jede seiner Bewegungen wirkt zu schnell, zu eckig. Seine Hände rasen durch die Luft und stemmen sich in seine Hüfte. Auch seine Worte kommen zu eilig und zu laut aus seinem Mund.

"Lia ..., was treibst du hier? Du weißt doch, auch wenn ich der Auftraggeber bin, ist es auch für dich strengstens verboten, den Regenwald zu betreten ... Hast du das Absperrband nicht gesehen?"

"Es ... es tut mir leid, ich ... ich wollte nur ...", stottere ich, weil ich keine Wort habe. "Ist es nicht wunderschön hier, Papa?"

Seine Augen schweigen und sein Mund lacht: "Ja, wunderschön. In der Tat, ja wirklich, dieser Wald ist recht nett anzusehen. Aber, noch schöner als dieses Grünzeugs wird das Ferienresort sein, das hier entstehen wird. Holzbungalows, Sonnenschirme, Caipirinha, Amerikaner in Bermudahosen, jede Menge Geld in den Kassen ...Das ist wunderschön, Lia!"

Ich schlucke, stelle mit zitternder Stimme die Frage, deren Antwort mein Kopf schon vor meinem Herz weiß: "Und was ... was geschieht mit dem Regenwald?"

Mein Vater, der Anzugsmensch im Märchen, macht einen Schritt auf mich zu, einen Schritt, der Millionen winziger Tierchen und Grashalme das Leben raubt.

"Der Regenwald, tja er wird in weniger als zwölf Stunden, gleich morgen früh, gerodet werden, vernichtet und weggeschafft!"

Sein Grinsen ist eine Fratze. Eine ekelhafte, hässliche Fratze. Weggeschafft. Das Wort hallt in meinem Kopf, klingelt in meinen Ohren. Weggeschafft. Weg. Weg. Dieses Paradies ... Es soll weg. Einfach weg. Ich zittere, mein Kopf wird zu schwer für meinen Hals, der sich plötzlich so voll anfühlt. Ich versuche zu würgen, aber ich verschlucke mich und beginne zu husten. Es schüttelt meinen Körper und mein Geist und mein Herz. Alles in mir wird durcheinander gewürfelt, alle Gefühle und Gedanken gelangen in eine riesige Zentrifuge. In mir wird alles schwarz und heiß und brodelnd, und mir ist so schlecht. Um mich herum ist alles gut, aber das Gute beginnt sich zu drehen. Flaschengrün und Grasgrün und Smaragdgrün und Moosgrün - alles verschwimmt zu einem wirbelnden Strudel aus Grün, Worte hallen um mich herum.

"Lia." "Weg." "WEG." "Lia ... weg ... alles ... weg ..."

Das Flattern der Schmetterlinge, das Blätterrascheln, die Worte, alles ist zu laut und zu schrill für meine Ohren, es schraubt sich hoch zu einem einzigen Pfeifen in meinem Kopf. Ein endloses Pfeifen, ein endloser grüner Strudel, der plötzlich beginnt zu brennen, und alles wird rot, feuerrot und blutrot. Alles rot. Das Paradies brennt. Das Rot und das Pfeifen.

"Lia ... WEG ... WEG ..."

Das Rot wird schwarz ... Das Paradies verbrennt. Das Schwarz und das Pfeifen.

"Lia ... ... WEG ... WEG ... WEG ..."

Das Schwarz bleibt, das Paradies ist weg. Die schwarze Leere und das Pfeifen. Und plötzlich auch ein Schrei.

"Neeeeeiiiiinnnn!"

Ein nasses, tränendurchtränktes Nein durchbricht die Welt. Vertraute, fremde Arme heben mich hoch, und meine Hand verlässt die Rinde ... Lieber, lieber Baum ... warte ...

Ich werde getragen, schwebe über dem Boden, er schafft mich fort, fort aus dem Paradies, damit er es vernichten kann, damit er töten kann.

"Neeeeeiiin!"

Ich trommele auf seine Arme, will in seine Haut beißen, schmecke aber bloß gebügelten Nadelanzug auf meiner Zunge.

"Neeeiiin!"

Ich werde schneller getragen. Papa, wie kannst du nur! Wie kannst du dein eigenes Kind in deinen Armen tragen und nicht einmal zwölf Stunden später den Befehl zum Mord geben? Wie kannst du nur so viel Schönheit, so viel Zauber, und so viel Leben zerstören? Papa, wie kannst du nur? Stumme Fragen ... Zu viel Wut, um sie zu stellen. Zu viel Wut.

Wie. Kannst. Du. Nur. Papa.

In nicht einmal zwölf Stunden bringt Papa den lieben Baum, das Naturorchester und das Grün um die Ecke. Jetzt bringt er mich um eine Ecke, und aus meinen Augen verschwindet die grüne Märchenwelt, um mich herum ist alles grau, betongrau. Ich sehe Grau, ich sehe Schwarz. Ich höre harte Schritte auf Asphalt und Maschinengebrüll. Ich spüre nicht mein Herz, sondern Tränen auf meiner Wange, und ich atme. Die Welt schmeckt nach Nadelanzug, nach Maschine und nach todgeweihtem Regenwald - Feuer und Asche und Tod und jeder Menge Grau.

"Geht's noch?" lautete das Thema des sechsten Tom-Sawyer-Schreibwettbewerbs der Stadt Rees. 162 Schüler der Klassen 5 bis 13 hatten ihre Geschichten eingesandt, eine achtköpfige Jury zeichnete die besten Beiträge aus. Die Rheinische Post druckt in loser Folge ausgewählte Geschichten.

"Brennendes Paradies" stammt von Julia Elisabeth Kanning aus Glashütten/Schloßborn. Die 16-Jährige besucht eine Privatschule und belegte den zweiten Platz in der Kategorie C (Jahrgangsstufe 9 und 10).

Das Begleitbuch "Geht's noch?" mit 41 Kurzgeschichten ist im Verlag "edition anderswo" erschienen und beim BürgerService im Reeser Rathaus für 9,80 Euro erhältlich

Quelle: RP
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