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Rees
Das Weihnachten der schwarzen Nasen

Rees: Das Weihnachten der schwarzen Nasen
Erwin Roos (r.) posiert in den frühen 50er Jahren mit seiner Schwester Irmgardis und seinem jüngeren Bruder Dieter vor der Reeser Stadtmauer. FOTO: scholten
Rees. Erwin Roos erinnert sich an das erste Weihnachten nach dem Krieg. In Armut und Not war es seiner Familie Geschenk genug, dass alle überlebt hatten. Die Dachkammer im heutigen Haus Schaeling am Mühlenturm diente als Wohnung. Von Michael Scholten

Erwin Roos wurde am 30. Dezember 1931 in der Reeser Oberstadt geboren. Über die Geschichte seiner Heimat führt er seit vielen Jahren Buch. In der Rheinischen Post erinnert er sich an das Weihnachtsfest im kriegszerstörten Rees vor genau 70 Jahren.

Für eine Weihnachtsbaum war kein Platz, ein paar Tannenzweige in der Vase mussten reichen. Doch viel wichtiger war Erwin Roos, dass nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs seine ganze Familie gemeinsam Weihnachten feiern konnte: Schwester Irmgardis, Jahrgang 1928, Bruder Dieter, 1943 mitten im Krieg geboren, Mutter Klara sowie Vater Fritz, der im August 1945 aus der Kriegsgefangenschaft heimgekehrt war.

Der gelernte Schuster Fritz Roos war es denn auch, der darauf bestand, dass die Familie so schnell wie möglich wieder nach Rees zog. "Seit den schweren Bombenangriffen auf Rees lebten meine Mutter und wir Kinder auf einem Bauernhof in Helderloh", sagt Erwin Roos. Das Haus der Familie, Oberstadt 33, war zerstört worden, wie auch die meisten anderen Gebäude in der historischen Innenstadt.

Doch nach langer Suche fand Fritz Roos eine freistehende Dachkammer im heutigen Haus Schaeling am Mühlenturm. "Ein Panzergeschoss hatte die Außenwand des Hauses durchschlagen", erinnert sich Erwin Roos an den schlechten Zustand der städtischen Immobilie, die einst als Dienstwohnung für den Nachtwächter und später für Polizisten gedient hatte. "Wir mussten die Decke, die zugleich der Fußboden des Speichers war, mit einer Lkw-Winde anheben und untermauern, damit sie wieder eine Stütze hatte. Andernfalls wäre es lebensgefährlich gewesen, in unsere Mansarde zu kommen." Das Dach wurde notdürftig mit Ziegeln von ausgebombten Häusern und sogar mit alten Kuchenblechen geflickt. Hauptmieter und zugleich Verwalter des Hauses war Theo Tepaß, genannt de Schäss, mit seiner Familie. Er hatte während des Krieges die Hausmeisteraktivitäten für das HJ-Heim übernommen, das nach dem Krieg zum Kolpinghaus umgewandelt wurde.

"Wir hausten sehr primitiv in unserer Mansarde, die gerade mal ein Drittel des Daches einnahm", sagt Erwin Roos. "Wir schliefen auf Strohsäcken, kochten auf einem Bunkerofen das Mittagessen und die Wäsche. Eine eigene Dusche oder gar eine Badewanne waren zu dieser Zeit undenkbar." Auch Strom gab es nicht. "Unsere einzige Lichtquelle war ein sogenanntes Hindenburg-Licht, ein Gemisch aus Wachs und Öl. Wenn ich morgens aufstand, stellte ich vor dem Spiegel fest, dass meine Nase schwarz war." Nennenswerte Geschenke gab es in der Familie Roos zu Weihnachten 1945 nicht. "Es war uns Geschenk genug, dass wir überlebt hatten und im neugewonnenen Frieden gemeinsam feiern konnten."

Aus dem Wenigen, das zu bekommen war, bereitete Mutter Klara ein kleines Weihnachtsmahl, sogar eine kleine Krippe wurde aufgestellt. "Das Kind in der Krippe galt uns als Symbol für eine friedliche Zukunft", sagt Erwin Roos. Beim Gottesdienst in der Notkirche an der Weseler Straße stand er um vier Uhr morgens als Messdiener auf dem improvisierten Altar. Die Pfarrkirche St. Mariä Himmelfahrt, in der Erwin Roos im Januar 1932 getauft worden war und in der er 1940 zur ersten Kommunion gegangen war, lag in Trümmern. Traurig erinnert sich Erwin Roos, wie er nach der ersten schweren Bombardierung von Rees am 23. Oktober 1944 die Kirchenruine besuchte. "Ich sah einen Teil des zerstörten Hochaltars, die abgebrochene Kanzel, von der noch ein Viertel am Pfeiler hing. Ich stellte fest, dass ich auf dem Rest einer Glocke stand. Sie war beim Brand geschmolzen und lag zwischen dem Schutt. Später, beim Rheinübergang der Alliierten, wurden auch die letzten Überreste der Kirche zerstört."

Eine "Weihnachtsbäckerei" gab es nach dem Krieg ebenfalls. "Unweit unserer Mansarde befand sich die Bäckerei Rösen, die gern ihre Knetmaschine mit Strom versorgt hätte, doch zunächst diente ein Dieselmotor als Notlösung", sagt Erwin Roos. "Unser Vermieter, de Schäss, war gelernter Elektriker. Er schlug vor, die Starkstromleitung der Schreinerei Vennemann am Melatenweg anzuzapfen. Dafür brauchte er aber das passende Kabel, das er über die Oberleitungsmasten der zerstörten Kleinbahn bis zum Van-Thiels-Gängske legen wollte, um dann über ein paar zusätzliche Masten und durch die Bäume am Bärenwall das Stromkabel bis zur Bäckerei verlegen zu können.

"Sofort machte ich mich mit meinem Freund Paul Rösen auf den Weg zur anderen Rheinseite. Denn hinter der Gaststätte Sandhövel lagen in einer Wiese reichlich Kabel, die von den englischen Soldaten zurückgelassen worden waren. Wir rollten das Kabel auf einer Trommel auf, doch als wir über die improvisierte Brücke nach Rees wollten, nahm uns der Wachdienst das Eigenturm der britischen Streitkräfte wieder ab. Die ganze Arbeit war für die Katz."

Theo Tepaß hatte inzwischen ein passendes Kabel gefunden und setzte seinen Plan in die Tat um. Die Bäckerei Rösen konnte nun auf den Dieselmotor verzichten. "In Absprache mit Johann Rösen durfte de Schäss auch eine 220-Volt-Zuleitung zu unserem Haus legen, sodass auch wir wieder eine strombetriebene Lichtquelle bekamen. Die schwarzen Nasen, die wir morgens hatten, gehörten endlich der Vergangenheit an."

Quelle: RP
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