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Emmerich
Der Emmericher Liebling

Emmerich: Der Emmericher Liebling
Jürgen von der Lippe im Emmericher Stadttheater. FOTO: markus van Offern
Emmerich. Jürgen von der Lippe kommt gerne in die Stadt. 550 Zuhörer wollten sich den Meister des gehobenen Witzes unter der Gürtellinie nicht entgehen lassen. Im Gepäck hatte er sein neues Buch "Der König der Tiere". Von Michael Scholten

Nein, man kann Jürgen von der Lippe nicht vorwerfen, zu viel Werbung für sein Buch "Der König der Tiere" gemacht zu haben. Er verstand die wiederholte Kaufempfehlung für das "lustigste Buch, das es zurzeit gibt", eher als guten Rat unter Freunden. Schließlich hat er ja eine "Informationspflicht" dem Publikum gegenüber und bald ist schon wieder Weihnachten, weshalb man eh Geschenke für seine Liebsten braucht.

Auch sonst meinte es der Meister des gehobenen Witzes unter der Gürtellinie gut mit seinen Zuhörern. Bevor sein kurzweiliger Mix aus Lesung und Plauderei im ausverkauften Emmericher Stadttheater begann, gab er freundliche Tipps für den richtigen Zeitpunkt und die angemessene Intensität der Reaktionen: "Lachen Sie zeitnah, sonst verstreichen womöglich wertvolle Sekunden", sagte von der Lippe. Die Gefahr, als Einziger im Saal zu lachen, sei zugleich eine Chance, noch in vielen Jahren eine Anekdote bei runden Geburtstagen erzählen zu können: "Wisst Ihr noch, wie ich damals bei dem dicken Lippe als Einziger gelacht habe? Der ist ja auch schon tot..."

Der bekennende Germanist zitierte zunächst aus dem Vorwort seines Buches "Der König der Tiere", das 60 Glossen und Geschichten umfasst. Eine 64-jährige Frau habe ihn per Brief darüber informiert, dass sie beim Hören einer seiner CDs eine Lach-Synkope erlitten habe.

Das ist eine kurze Bewusstlosigkeit, die durch eine Sauerstoff-Unterversorgung des Gehirns hervorgerufen wird. Leider passierte das auf der Autobahn, weshalb die Frau mit ihrem Wagen mehrfach vor eine Betonwand donnerte.

Da war das Stadttheater auf jeden Fall die sicherere Alternative für 550 Zuhörer. Denn die Gefahr, eine Lach-Synkope zu erleiden, bestand definitiv, wann immer Jürgen von der Lippe inmitten seiner nachdenklich stimmenden Schmunzelgeschichten etliche pointensichere Schenkelklopfer platzierte. Mal derbe, mal feinsinnig sinnierte der Freund der deutschen Sprache und unaussprechlicher Fremdwörter über große Weltpolitik, gescheiterte Kapitalverbrechen, den nachlassenden Schulz-Effekt und behaarte Männerhintern, um nach wenigen Minuten doch stets beim Thema Sex anzukommen. Das bewegt ihn seit der Kinderbeichte, als er dem Pfarrer von einer erfundenen "Unschamhaftigkeit" berichtete.

"Damals lernte ich, dass Untenrum das Thema Nummer eins ist - seither verdiene ich viel Geld damit", gestand Jürgen von der Lippe dem Publikum, nachdem er die dreiseitige Biografie seiner Kindheit aus dem Buch vorgelesen hatte. Die beginnt mit der markanten Feststellung: "Ich habe meine Adoptiveltern nie kennengelernt. Ich hatte keine."

Es folgten ähnlich verrückte Schilderungen wie "Als ich zum ersten Mal in massiver Form mit Sexualität in Berührung kam, hatte ich Angst. Kein Wunder. Ich war allein."

Als Witz, als wissenschaftliche Studie oder als biografische Fußnote des Referenten: Die Zuhörer erfuhren, was sie noch nie über Sex wissen wollten und bisher nicht zu fragen wagten. Von der Lippe erzählte vom Liebesspiel der Außerirdischen, von der sexuellen Erregbarkeit durch Blumen und schmutzige Witze oder warum er Angelina Jolie auch nach ihrer Trennung von Brad Pitt nicht zu Hause haben möchte: "Die ist mir zu klapprig. Wenn der Augapfel mehr wiegt als der Hintern, hört's bei mir auf."

Ein Höhepunkt des Abends war sein Vortrag der Suche nach dem titelgebenden "König der Tiere". Von der Lippe rezitierte mit 15 verschiedenen Stimmen und Dialekten seine Kurzgeschichte, in der ein Löwe, ein Elefant, ein Araberhengst, eine Wanderratte, ein Känguru, ein Zwergschimpanse und viele andere Thronanwärter das Zepter schwingen wollen - bis ein weiser, fauler Koalabär ihnen die Augen öffnet.

Nach mehreren Zugaben signierte er im Theaterfoyer das "lustigste Buch, das es zurzeit gibt". Aber das weiß ja eh schon jeder.

Quelle: RP
 
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