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Himmel & Erde
Der Lotse geht von Bord

Emmerich. Thomas Brödenfeld, Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Wesel, schreibt alle zwei Wochen in der RP. Diesmal handelt seine Kolumne über den Tod von Helmut Schmidt.

Die Attribute wollen kein Ende nehmen. "Bedeutendster Kanzler der Republik", "Weltökonom", "Elder Statesman", "Weiser Deutschlands", "Bester Krisenmanager".

Der Tod von Helmut Schmidt am vergangenen Dienstagnachmittag hat unser Land für einen Moment zum Stillstand gebracht. Die mitunter scharfen politischen Gegensätze bei den drängenden Fragen der Flüchtlingsproblematik traten in den Hintergrund. Über alle Parteigrenzen hinweg herrscht tiefe Betroffenheit über den Tod eines Mannes, der sich bis zum Schluss mit der Autorität seiner Lebensleistung und der Authentizität seiner klaren Worte großen Respekt und Bewunderung in der gesamten Bevölkerung verschaffen hat. Altbundeskanzler Helmut Schmidt war mit seinen 96 Jahren eine Instanz in unserer Gesellschaft.

Seine geschliffenen, pointierten und von einer großen Lebensklugheit zeugenden Beiträge zu politischen und gesellschaftlichen Ereignissen und Entwicklungen hatten Gewicht. Als Herausgeber und Publizist der "Zeit" hat Helmut Schmidt über drei Jahrzehnte alle die Talente einsetzen könne, für die ihm die Politik keine Zeit ließ.

Für viele Menschen aber war er einfach der Held der verheerenden Hamburger Sturmflut. Als im Februar 1962 die Deiche brachen und sich eine Katastrophe ungeahnten Ausmaßes abzeichnete, erwarb sich der damalige Hamburger Innensenator Helmut Schmidt seinen Ruf als "Macher" und Krisenmanager. 15 Jahre später und mittlerweile Kanzler der Republik, war es wieder seine Standfestigkeit und unbeugsame Haltung, die das Land davor bewahrte, im Terror der "Rote Armee Fraktion" zu versinken.

Helmut Schmidt war Christ protestantisch-hanseatischer Prägung. Fünf Jahre, von 1965 bis 1970 sogar Mitglied der Synode seiner lutherischen Kirche in Hamburg. Ungetrübt war sein Verhältnis zu seiner Kirche allerdings nicht. Als ab Mitte der 70er Jahre eine neue Pastorengeneration die Kanzeln betrat, litt er, der konservative Sozialdemokrat, unter den zunehmend politisierenden linken Predigten. Auf dem Hamburger Kirchentag 1981 wurden Helmut Schmidt und sein enger Weggefährte und damalige Bundesverteidigungsminister Hans Apel von den friedensbewegten Massen wegen des von ihm initiierten Nato-Doppelbeschlusses förmlich vom Podium hinweggepfiffen. Dieses Erlebnis hat ihn tief getroffen. Schmidt, geprägt von den Lehren des Soziologen und Nationalökonomen Max Weber, hielt viel von dessen Unterscheidung von Gesinnungs- und Verantwortungsethik. Anpassung an den Zeitgeist war sein Ding nicht. Helmut Schmidt blieb sich treu. Wirkte zuweilen wie aus der Zeit gefallen.

Sein mitunter trotziger Nikotinkonsum bleibt legendär. Souverän überstand er die Klagen diverser Nichtraucherinitiativen. An ihm konnte man, wie man in Hamburg sagt, "ein Tau festmachen." Sein Tod macht uns auf schmerzliche Weise bewusst, was unserem Land in diesen Zeiten fehlt. Danke, Helmut Schmidt - und "Tschüss"!

VON THOMAS BRÖDENFELD

Quelle: RP
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