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Heimat entdecken in Rees
Der Nachtwächter lebt in Rees weiter

Heimat entdecken in Rees: Der Nachtwächter lebt in Rees weiter
Rees. Als zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert flächendeckend Straßenlaternen eingeführt wurden und jede Stadt ihre Polizeistation erhielt, wurde der mittelalterliche Beruf überflüssig. In Rees ist das ein wenig anders. Von Michael Scholten

"Leute, hört und lasst Euch sagen, uns're Uhr hat neun geschlagen!" Wenn früher um 21 Uhr die Glocke der kleinen evangelischen Kirche läutete, dann durften die Reeser Bürger kein Feuer mehr machen. Sonst verhängte der Nachtwächter eine Strafe wegen unterlassenem Brandschutz. Zu seinen Aufgaben gehörte es auch, bei Einbruch der Dunkelheit die fünf Stadttore abzuschließen. Dann kam keiner mehr rein und keiner mehr raus. Meist patrouillierten zwei Nachtwächter gleichzeitig in der Stadt. Zu jeder vollen Stunde riefen und sangen sie die Uhrzeit. Für die Bürger war das nicht störend, sondern beruhigend. Wussten sie doch bei jedem Ruf: "Unser Nachtwächter lebt noch. Die Stadt ist sicher!"

Als zwischen dem 19. und 20. Jahrhundert flächendeckend Straßenlaternen eingeführt wurden und jede Stadt ihre Polizeistation erhielt, wurde der mittelalterliche Beruf des Nachtwächters allmählich überflüssig. In Rees lebt der Nachtwächter aber weiter. Einmal pro Monat gibt es eine öffentliche Führung mit Nachtwächter Bernd Schäfer, auf Anfrage bietet Nachtwächter Heinz Wellmann private Touren an - und zweimal pro Jahr, immer in den Osterferien und Herbstferien, führt er spezielle Kinder-Nachtwächterführungen an. Bei der jüngsten ließen sich 32 junge Mittelalterfreunde und 24 Erwachsene an einem dunklen Herbstabend durch die älteste Stadt am Unteren Niederrhein führen. Vom Rathaus ging es über den Kirchplatz und durch die Fallstraße zum Museum und über das Rondell und die Rheinpromenade, vorbei am Mühlenturm, wieder zum Marktplatz.

Begleitet wurde die Tour auch von Jan Roos. Mit neun Jahren ist der Reeser der jüngste aktive Nachtwächter innerhalb der Deutschen Gilde der Nachtwächter, Türmer und Figuren, deren Vorsitzender Heinz Wellmann ist. Im Frühjahr 2012 hatte Jan Roos zu seinem Geburtstag eine Nachtwächterführung geschenkt bekommen. Diese gefiel ihm so gut, dass er an zwei weiteren teilnahm. Irgendwann klingelte er dann an Heinz Wellmanns Haustür. "Jan sagte, er wolle auch Nachtwächter werden", erinnert sich Wellmann, der damals genauso überrascht wie erfreut war: "Die Gilde ist tendenziell eher überaltert und braucht dringend Nachwuchs. So gesehen, kam Jan genau zur richtigen Zeit."

Acht Führungen hat der junge Lehrling inzwischen mit seinem großen Vorbild unternommen. Bei jeder Kinder-Nachtwächterführung sucht er sich ein Denkmal aus, zu dem er eine seiner Lieblingsgeschichten erzählt. Das Gewand des Nachtwächters trägt er mit besonderem Stolz, nur dessen Waffe, die Hellebarde, darf er nicht vor seinem 18. Geburtstag führen. Denn die markante Hieb- und Stichwaffe fällt unter das Waffengesetz und darf nicht in Kinderhände gelangen. Die Kinder-Nachtwächterführungen enthalten viele Vergleiche zwischen dem Leben der Kinder im Mittelalter und in der Gegenwart. Statt Pommes und Pizza gab es früher Kohlsuppe, Hirsebrei und Brot, statt eigenem Kinderzimmer schlief die ganze Familie in einem Bett und wärmte sich unter einer gemeinsamen, verlausten Decke. Ein Höhepunkt jeder Tour ist der Besuch des Museums mit dem historischen Stadtmodell und den alten Kasematten. Bei Kindern beliebt sind die leicht gruseligen Legenden vom Bärenwall und Mühlenturm, in ungläubige Augen schaut Heinz Wellmann stets, wenn er von der früheren Schutzfunktion des basaltverstärkten Mühlenturms gegen die riesigen Eismassen auf dem Rhein erzählt. Nach 90 Minuten heißt es dann: "Gehabt Euch wohl!" Und alle kleinen und großen Zuhörer gehen beruhigt ins Bett. Denn sie wissen, dass der Nachtwächter auch in dieser Nacht wieder über die Stadt wachen wird.

Quelle: RP
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