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Himmel & Erde
Der Selfie-Wahn

Emmerich. Alle zwei Wochen schreibt der Superintendent des evangelischen Kirchenkreises Wesel, Thomas Brödenfeld, seine Kolumne "Himmel & Erde". Diesmal geht es über Selfies. Das sind Menschen, die nur sich selbst fotografieren - unausweichlich, überall.

Ein Kurzurlaub mit der Familie hat es uns deutlich vor Augen geführt. Wir sind umgeben von Selfies - Menschen, die nur sich selber fotografieren.

Ein Selfie ist eine Art Selbstporträt, das auf Armeslänge aus der eigenen Hand mit einem Handy oder Smartphone aufgenommen wird. Selfies werden überwiegend für soziale Netzwerke wie Facebook, Snapchat oder Instagram aufgenommen. Aber auch das eigene Profilbild bei WhatsApp braucht bei den Selfies mehrmals ein Update.

Selfies haben den touristischen Hobbyknipser fast vollständig abgelöst. Wo sich noch vor wenigen Jahren Fotografen mit Spiegelreflexkameras vor den Sehenswürdigkeiten unserer Welt positionierten, um für den Diaabend genug Motive auf den Film und später auf die Speicherkarte zu bannen, tummeln sich nun Menschen mit merkwürdigen orthopädischen Verrenkungen. Um das Handy auf eine annehmbare Distanz zu bringen, bedient sich der selbstverliebte Selfie eines besonderen technischen Hilfsmittels, des sogenannten Selfie-Sticks. Auf diese Teleskopstange wird das Smartphone befestigt und man kann sich vor berühmten Bauwerken ablichten. Auffällig ist, dass dabei nicht die touristische Sehenswürdigkeit im Mittelpunkt des Interesses steht, sondern allein der Aufnehmende.

Schon gibt es erste Verbote von Selfie-Sticks. In vielen Sportstadien sind Selfie-Sticks aus Sicherheitsgründen verboten. Weil Selfies nur noch ein eingeschränktes Blickfeld haben, sind Zusammenstöße oder gar Unfälle mit anderen Passanten unausweichlich. Berlin hat die Teleskopstangen mittlerweile aus fast allen Museen verbannt. Auch im Disney-Vergnügungspark in Kalifornien sind Selfie-Sticks untersagt. Weitere Städte haben angekündigt, Selfie-Sticks von touristischen Highlights fernzuhalten.

Was aber treibt Selfies an? Ist es eine moderne Form von Egomanie, einer Selbstbezogenheit und Selbstzentriertheit, die andere Menschen ausblendet? Oder stimmt eine Studie der Universität von Birmingham von Facebook-Nutzern aus dem Jahr 2013, die herausfand, dass das häufige Posten von Selfies mit schwacher sozialer Unterstützung korreliere und dass diejenigen, die oft Fotos von sich selbst hochladen, ein Risiko eingingen, ihre realen Beziehungen zu beschädigen?

Wie dem auch sei, wir werden wohl auch bei unserem nächsten Urlaub mit geschickten Körperdrehungen den Selfie-Sticks ausweichen und den Eiffelturm ganz "ohne uns" aufnehmen.

VON THOMAS BRÖDENFELD

Quelle: RP
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