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Emmerich
Die Angeklagten kommen aus der Drogenszene

Emmerich: Die Angeklagten kommen aus der Drogenszene
Die Angeklagten Sandra S. (2.v.l.) und Sven G. (2.v.r.) auf der Anklagebank. Sie werden von jeweils zwei Rechtsanwälten verteidigt. FOTO: Evers
Emmerich. Baseballschläger-Mord: Am ersten Prozesstag haben die Beschuldigten Ansätze geliefert, warum es zur Tat kommen konnte. Von Dieter Dormann

Um die Anklageschrift gegen Sandra S. (37), Sven G. (37) und Marco A. (48) zu verlesen, mit der das Trio des gemeinschaftlichen Mordes an Marco M. vor der 4. Strafkammer des Landgerichtes Kleve beschuldigt wird, hat Staatsanwalt Hendrik Timmer gestern nur etwa fünf Minuten benötigt. Fünf Minuten, in denen er eine heimtückische und äußerst brutale Straftat sachlich und emotionslos zusammenfasste. Doch allein die Auflistung der tödlichen Verletzungen, die das Opfer durch die Schläge, die ihm Sven G. und Marco A. laut den Ermittlungen am 14. September 2014 mit einem Baseballschläger an den Kopf versetzt haben sollen, machte die Gewalt deutlich. Kaum ein Knochen am Kopf des Opfers blieb heil.

Auch zum Motiv für die Tat lieferte die Anklage Anhaltspunkte. Sandra S. habe beschlossen, dass Marco M. "weg müsse". Jahrelang habe die Angeklagte ein von psychischer und körperlicher Gewalt geprägtes Verhältnis mit Marco M. gehabt, der Untermieter im Haus von Sandra S. und deren Mann war. Als die Frau im August/September den nun mitangeklagten Sven G. näher kennengelernt hatte, reifte ihr Plan, den Ex-Liebhaber zu beseitigen. Sandra S. soll laut Anklage Sven G. und Marco A. zu dem Mord angestiftet haben.

Die "Angaben zur Person" der angeklagten Männer machten deutlich, aus welchem Milieu sie stammen. Sven G. wuchs als eines von fünf Kindern bei seiner alleinerziehenden Mutter in der DDR auf. Mit der "Wende" sei er auf die schiefe Bahn geraten: Eine Straftat reihte sich an die nächste - von Diebstählen über Raub und Körperverletzungen bis zu Drogendelikten. Jugendstrafen folgten Haftstrafen - ohne und mit Bewährung. Zudem konsumierte er Drogen aller Art - Hasch, LSD, Amphetamine, Heroin, Kokain. Auch wenn er gerade eine Haftstrafe verbüßte - an Drogen zu kommen, war auch hinter Gittern kein Problem. Dennoch versicherte der 37-Jährige dem Gericht, er sei nie süchtig gewesen.

Vergleichbar ist die kriminelle Entwicklung, die Marco A. durchgemacht hat. Auch seine Probleme mit dem Gesetz begannen in jungen Jahren. Auch er beging Raubüberfälle, verübte Körperverletzungen, fuhr betrunken, aber ohne Führerschein, beging Fischwilderei und konsumierte nahezu jede Droge, die er bekommen konnte. Auch er gab an, es sei auch in Justizvollzuganstalten kein Problem, Rauschmittel zu bekommen: "In der JVA Remscheid gab es einfach alles", sagte er.

Anders als ihre Mitangeklagten versicherte Sandra S., sie habe nie ein Drogen-Problem gehabt - auch wenn sie später eingestand, nur mal was probiert und erst nach der angeklagten Tat fast täglich Kokain konsumiert zu haben. Vorstrafen hat die 37 Jahre alte Frau laut Strafregister zwar nicht. Aber auch die Angeklagte schilderte kein Leben ohne Probleme. So habe sie nach ihrem Abgang von der Hauptschule nie eine feste Arbeitsstelle gefunden, durch Katalogbestellungen hätte sie einen 30.000-Euro-Schuldenberg angehäuft und als 15-Jährige habe sie versucht, sich durch die Einnahme von Schlaftabletten das Leben zu nehmen.

Auf Nachfrage ihres Verteidigers gab Sandra S. dann noch mit stockender Stimme an, im Alter von etwa acht Jahren von einem älteren Mann über Monate begrapscht worden zu sein. Angezeigt worden sei der Missbrauch jedoch nie. "Das ist intern geregelt worden", vermutete der Richter. "Ja", antwortete die Angeklagte leise. Zudem berichtete die 37-Jährige von einer weiteren sexuellen Belästigung. Als Fünfzehnjährige hätte ihr damaliger Freund "mehr gewollt" als sie.

Auch auf Nachfrage ihres Verteidiger schilderte Sandra S. noch einen zweiten Suizid-Versuch - am Tag nach dem die in ihrem Garten am Haus Griether Straße 137 vergrabene Leiche von Marco M. durch die Polizei gefunden worden war. "In der JVA wurden sie aber entsprechend betreut", fragte der Richter. Die Angeklagte antwortet: "Nein." Auch das ließ den Atem stocken.

Quelle: RP
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