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Rees
Die dreifachen Zwillinge von Rees

Rees: Die dreifachen Zwillinge von Rees
Von unten: Michael und Theo Lörcks, Helmut und Johannes Joosten sowie Peter und Heiner van de Mötter an ihrem ersten Schultag im April 1956. FOTO: RP-Archivfoto
Rees. Sechs auf einen Streich: Vor 60 Jahren wurden in Rees drei Zwillingspaare auf einmal eingeschult - Theo und Michael Lörcks, Helmut und Johannes Joosten sowie Heiner und Peter van de Mötter. Von Vo Michael Scholten

"Das gibt es nicht alle Tage", titelte die RP. Und auch der Nordwestdeutsche Rundfunk war extra nach Rees gereist, um in seiner Sendung "Zwischen Rhein und Weser" über das ungewöhnliche Ereignis an der Katholischen Volksschule zu berichten: Vor 60 Jahren, am 12. April 1956, wurden in Rees gleich drei Zwillingspaare eingeschult und saßen in derselben Jungenklasse. Theo und Michael Lörcks waren am ersten Schultag erst fünf Jahre alt, Helmut und Johannes Joosten sowie Heiner und Peter van de Mötter bereits sechs.

Der Fotograf der RP machte nicht nur ein Foto im Klassenraum, sondern auch auf dem Schulhof. "Die anderen Zwillingspaare sind mit ihren Schultüten zu sehen, aber unsere Schultüten lagen noch zu Hause", erinnert sich Theo Lörcks. Der Inhalt war damals ohnehin bescheiden: ein Apfel und etwas Schokolade.

Auch der Schulweg war vor 60 Jahren beschwerlicher: "Heute setzen Mama und Papa die Kinder mit dem Van direkt vor der Schule ab, wir sind ab dem zweiten Schultag immer gelaufen", so Theo Lörcks. Er und sein Bruder wohnten am Kirchplatz und machten sich morgens mit den van de Mötters aus der Neustraße auf den Weg zur Volksschule. Beide Zwillingspaare kannten sich bereits aus dem Kindergarten und vom Spielen in den Kriegsruinen rund um den Marktplatz. "Wir hatten die schönsten Spielplätze, die man sich denken kann", sagt Theo Lörcks. "Überall Trümmergrundstücke!" Die Joosten-Zwillinge wohnten, nach damaligen Maßstäben, weit weg von der Innenstadt: am Groiner Kirchweg.

Das Stillsitzen in den Bänken fiel den kleinen Musterschülern nicht schwer. "Streiche kannten wir damals gar nicht, es war ja auch noch die Zeit, in der wir mit der Prügelstrafe rechnen mussten." Auch Theo Lörcks erinnert sich an die Backpfeife eines Lehrers: "Angeblich war ich als Schülerlotse eingeteilt und nicht zum Dienst erschienen. Das stimmte nicht, aber der Lehrer hat mir auf dem Flur erstmal eine Ohrfeige verpasst."

Die Lehrerin Dorothea Geldermann wurde von ihren Schülern "Fräulein Geigenstock" genannt. Grund dafür war die Geige, die sie jeden Tag mit in den Unterricht brachte. Mal wurde darauf musiziert, mal wurde der Geigenstock für die Prügelstrafe verwendet. "Dann musste sie aber einen guten Grund dafür haben, denn eigentlich war sie eine ganz Liebe", sagt Theo Lörcks. Dorothea Geldermann kam immer mit der Kleinbahn nach Rees. "Wir Schleimer fingen sie schon an der Haltestelle Vor dem Falltor ab", erinnert sich Lörcks. "Einer trug dann ihre Tasche, der andere trug ihren Geigenkoffer."

Auch das Verhältnis zu anderen Lehrern, darunter Hugo Weiser, Johannes Eckert, André Rose und Helga Pitsch, war so gut, dass viele Pädagogen später gern zu Klassentreffen kamen, die alle fünf Jahre organisiert wurden. Fast 100 Jungen und Mädchen wurden zu Ostern 1956 eingeschult, streng nach Geschlecht getrennt. "Über den Schulhof war eine Kette gespannt, kein Junge durfte zu den Mädchen rüber", sagt Theo Lörcks. "Als wir dann alle in ein Alter kamen, in dem man zu Poussieren anfängt, sah man oft, wie die Jungs und Mädchen entlang der Kette standen oder liefen."

Heiner und Peter van de Mötter verabschiedeten sich nach der 4. Klasse von der Volksschule und besuchten ein Gymnasium in Österreich. Ein Jahr später verließ Helmut Joosten die Klasse Richtung Gaesdonck, weil der Reeser Pfarrer meinte, dass "dieser schlaue Junge" Priester werden sollte. "Ich war auch dafür im Gespräch", betont Theo Lörcks, "aber weil es nur ein einziges Stipendium gab, ließ der Priester Helmut und mich einen Text schreiben. Helmut hatte die schönere Schrift - und durfte nach Gaesdonck." Priester wurde keiner der Jungen: Helmut Joosten wurde Lehrer und unterrichte in den ersten Jahren sogar in jenem Schulraum, in dem er einst als I-Dötzchen saß. Sein Bruder wurde Malermeister. Theo Lörcks ging zur Volksbank, Bruder Michael wurde Maler und Bildhauer, vielleicht auch wegen des prägenden Kunstunterrichts von Lehrer Johannes Eckert.

Quelle: RP
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