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Emmerich
Die wilde Jagd nach dem Studienplatz

Emmerich: Die wilde Jagd nach dem Studienplatz
Chiara Kohl mit ihren gesammelten Absagen. Erst die 54. Antwort war positiv. Jetzt ist sie eingeschrieben - in Fulda. FOTO: Gottfried evers
Emmerich. Die meisten Abiturienten suchen einen Studienplatz, oft ohne Erfolg. So wie Chiara Kohl aus Kalkar. Sie hatte nach über 50 Bewerbungen an Universitäten und Fachhochschulen immer noch keine Zusage. Von Lea Ebbers

Chiara öffnet aufgeregt den Briefumschlag. "Es tut uns leid, Ihnen mitteilen zu müssen,..." - weiter muss sie gar nicht lesen. Schon die 50. Absage. Scheinbar möchte im Moment jeder das Fach "Soziale Arbeit" studieren. Gibt es wirklich so viele Studenten?

Ja, die gibt es. Und es werden von Jahr zu Jahr mehr, wie auch die Fachhochschule Münster bestätigt. Während es 2010 noch ungefähr 2,2 Millionen waren, stieg die Zahl der Studierenden in Deutschland 2013 auf 2,6 Millionen. Diese Zahlen nennt das Statistische Bundesamt. Es wird immer schwerer, sein Wunschfach zu studieren.

Genau eine positive Rückmeldung für einen Studienplatz lag irgendwann im Briefkasten von Chiara Kohl - nach 54 Bewerbungen, die die 19-Jährige an Fachhochschulen und Universitäten gerichtet hatte.

Die gebürtige Kleverin möchte unbedingt das Fach "Soziale Arbeit" studieren. Die Möglichkeiten danach sind riesig: von Jugendhilfe über Frauenberatung bis hin zu Suchtberatung und Sozialarbeit mit Flüchtlingen. Erst einmal ins Studium hineinzukommen, ist dafür offenbar umso schwieriger.

"Die Konkurrenz ist groß", sagt Chiara. Und der Leistungsdruck wächst. "Ich hatte Angst, dass ich einfach keinen Platz mehr bekomme. Während ich noch gewartet habe, konnten Freundinnen von mir sich schon über eine Zusage freuen. Ich habe so gut wie keine Chance, wenn andere mit einem 'Abischnitt' mit der eins vor dem Komma daher kommen."

Bei der FH Münster sind in diesem Jahr 1309 andere Bewerber mit im Rennen, die ebenfalls "Soziale Arbeit" studieren möchten. Und nur 350 Plätze pro Jahr werden für das Fach vergeben. Immerhin gibt es Möglichkeiten, die Chance auf den Wunschstudienplatz zu erhöhen. Die meisten Fachhochschulen verlangen ein vier- bis sechswöchiges Praktikum in einer sozialen Einrichtung, wie in einem Seniorenheim oder auch in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Wer das vorweisen kann, erfüllt schon mal die Voraussetzungen.

Chiara hat zusätzlich auch noch ein Freiwilliges Soziales Jahr in einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung gemacht. Dadurch hat sie eigentlich auch einen Vorteil bei den Fachhochschulen.

Entscheidend ist aber die Durchschnittsnote des Abiturzeugnisses. Die von Chiara liegt bei 2,6. Wer besser da steht, bekommt eher eine Zusage von der Uni. Dann muss der Bewerber mit einer weniger guten Durchschnittsnote warten, bis die nächste Bewerbungsphase losgeht.

Ein weiterer Weg zum Wunschfach: Man sammelt Wartesemester. Wer sich dafür entscheidet, ist gut beraten, die Zeit nicht abzusitzen, sondern für Erfahrungen zu nutzen. Man kann Praktika absolvieren oder sogar eine Berufsausbildung machen. Nach einer dreijährigen Ausbildung - entspricht sechs Wartesemestern - hat man bei der Bewerbung schon viel bessere Chancen.

Frauke Hennicke, Leiterin der Zentralen Studienberatung der Fachhochschule Münster, erklärt: "Im sogenannten ,Auswahlverfahren der Hochschule' können Bewerber zum Beispiel durch den Nachweis einer abgeschlossenen Berufsausbildung oder eines öffentlichen Freiwilligendienstes ihre Durchschnittsnote verbessern."

Chiara hatte sich schon so einen Plan B zurechtgelegt: Sie hätte eine Berufsausbildung als Heilerziehungspflegerin gemacht. Und um die Zeit bis zur Ausbildung zu überbrücken, hatte sie sich bereits für verschiedene Praktika beworben. Mit so viel Erfahrung und den Wartesemestern hätte sie ihre Chancen für den Studienplatz "Soziale Arbeit" schon mal gewaltig gesteigert.

Jetzt ist sie froh, dass sie all das doch nicht nötig hat. Die Fachhochschule Fulda gab ihr die ersehnte Zusage. "Damit habe ich schon gar nicht mehr gerechnet", sagt die frisch gebackene Studentin Chiara Kohl. Sie ist jetzt einfach nur glücklich in ihrem neuen Zuhause.

Andere schweben immer noch zwischen Hoffen und Bangen: Die letzten Studienplätze werden über Nachrückverfahren vergeben. Wer leer ausgeht, muss sich zwangsläufig Alternativen suchen.

Quelle: RP
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