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Rees
Ein Bewohner der ersten Stunde

Rees: Ein Bewohner der ersten Stunde
FOTO: Lebenshilfe
Rees. Seit 15 Jahren bietet die Lebenshilfe in Rees Betreutes Wohnen an. Dabei leben die Menschen mit Handicap selbstständig in Wohnungen, Betreuer unterstützen sie nach individuellem Bedarf. Günter Binkle (68) ist von Anfang an dabei.

Von seinem Küchentisch aus hat Günter Binkle den Überblick. Von hier aus kann er durchs Fenster auf die Straße schauen und sehen, wer kommt und wer geht. "Ich bin schon ein bisschen neugierig", lacht der 68-Jährige, der im Betreuten Wohnen (BeWo) der Lebenshilfe Unterer Niederrhein an der Kassmöllstraße in Rees lebt. Bis zu seinem Ruhestand, der vor fünf Jahren begann, hat er in der Verpackungsabteilung der Lebenshilfe-Werkstatt gearbeitet. Jetzt, da er keinen Berufsalltag mehr hat, genießt er es, entspannt das Leben auf der Straße zu beobachten.

Günter Binkle ist einer der ersten Klienten, die 2001 ins BeWo in Rees zogen, das erste der Lebenshilfe Unterer Niederrhein. Bis dahin war es nicht selbstverständlich, dass Menschen mit Handicap alleine lebten. Die neue Wohnform erfreute sich schnell großer Beliebtheit und expandierte. Heute wird sie auch in Wesel, Emmerich und Xanten angeboten. 128 Menschen nehmen das Angebot derzeit in Anspruch.

Viele Klienten im BeWo haben vorher in einem Wohnheim oder in einer Wohngruppe gelebt. Für sie bedeutet der Umzug ins BeWo einen Sprung in die Selbstständigkeit. Bei Günter Binkle war das anders: "Ich war auch acht Jahre lang verheiratet und habe mit meiner Frau zusammen gewohnt." Einen eigenen Haushalt zu führen, war ihm also nicht fremd. Ein bisschen Überredungskunst brauchte es daher schon, als ihn seine damalige Betreuerin vom Sozialen Dienst fragte, ob er sich nicht vorstellen könne, ins BeWo zu ziehen. Aber die Betreuerin hatte einige Argumente auf ihrer Seite: Günter war 53 damals, gesundheitlich etwas angeschlagen, und mit zunehmendem Alter wird das Alleine-Leben auch nicht unbedingt einfacher. "Ich habe mich dann entschieden, ins BeWo zu ziehen, und ich habe die Entscheidung keinen Augenblick bereut", sagt er heute.

Kein Wunder. In seiner schönen großen Wohnung im ersten Stock hat der Ruheständler alles, was er braucht: ein großes Badezimmer, eine gemütliche Küche, einen geräumigen Wohn- und Schlafbereich und einen Balkon, auf dem er bei gutem Wetter gerne sitzt. Und einen Aufzug, denn weil er an einer Lungenkrankheit leidet, ist das Treppensteigen für ihn zu beschwerlich.

Trotz seiner Krankheit kauft Günter Binkle alleine ein, er kocht, wäscht, putzt und räumt auf. Er ist so selbstständig wie möglich. Aber er bekommt auch die Unterstützung, die er benötigt. Dafür ist unter anderem Elena Wansing zuständig. Die Heilerziehungspflegerin ist eine von zwei Betreuerinnen, die ihn regelmäßig besuchen. Manchmal begleiten Elena Wansing und ihre Kollegin den 68-Jährigen zum Arzt, manchmal fahren sie mit ihm nach Wesel, wo seine Freundin begraben liegt, manchmal gehen sie auch einfach zum Bummeln in die Stadt.

"Günter kann sehr viel alleine. Bei unseren Treffen geht es vor allem um soziale Kontakte und darum, über die Herausforderungen im Alltag zu sprechen", beschreibt Elena Wansing ihre Aufgabe. Günter Binkle ist nämlich eher ein Einzelgänger. An gemeinschaftlichen Aktivitäten, wie sie die Lebenshilfe regelmäßig anbietet, nimmt er selten teil. Einzig mit einer Bekannten aus Rees trifft er sich regelmäßig. Derzeit stehen Günter Binkle fünfeinhalb Stunden Betreuung in der Woche zu. Wie groß der persönliche Hilfsbedarf ist, wird in einem Hilfeplangespräch individuell ermittelt und beim zuständigen Kostenträger, in der Regel beim Landschaftsverband Rheinland, beantragt und bewilligt.

Große Zukunftswünsche hat Günter Binkle nicht. Für die Fußball-EM hatte er sich eigens einen neuen Fernseher gekauft. Er hat einen Computer, an dem er gerne im Internet surft und spielt. Und er hat seinen Hasen Charly. "Ich bin glücklich und habe alles, was ich brauche", sagt der 68-Jährige. "Das einzige, was ich mir wünsche, ist, dass ich alt werde."

Quelle: RP
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